Vorwort

 

Ich stehe kurz vor dem 80. Geburtstag und blicke zurück auf die vergangenen, eher verflogenen Jahre, die in sich alles hatten - Gutes und Schlechtes, und möchte meinen Nachkommen über mein Leben und über die Geschichte meiner Familie einiges erzählen. Auch meine Gedanken, Erfahrungen, Überlegungen möchte ich hinterlassen. Dieses kleine Buch soll auch eine Art von Autobiografie, sowie eine Darstellung des Familienbaumes sein. Persönlich kenne ich fünf Generationen meiner Familie -  Eltern, Kinder, Enkel und Urenkel. Meine Erinnerungen sind der größte Teil dieses Büchleins. Genutzt wurden auch Übermittlungen und Erzählungen von Verwandten und Bekannten, Briefen und Urkunden, offizielle Dokumente.

 

Vor 9 Jahren schrieb ich das "Familien-Stammbuch". Diese Broschüre gab ich den nächsten Verwandten. Sie wurde mit Interesse aufgenommen. Ich bekam einige Anmerkungen, neue Fakten und zusätzliche Informationen. Dies ermutigte mich für die 2. Ausgabe.

 

Vor allem ist dieses Büchlein für den Familienkreis bestimmt, und ich wünsche mir weitere Folgen. Betrachtet es nur als Anfang, als erstes Kapitel der Familienchronik. Es gibt nichts spannenderes, als die Familiengeschichte. Ich hätte mir sehr gewünscht dass meine Enkeln, Urenkel die Familiengeschichte nicht nur weiter leben sondern auch weiter schreiben.

 

 

Meine Herkunft und Kindheit

 

Meine Vorfahren stammen wahrscheinlich aus dem Teil Deutschlands, das in der heutigen Zeit zum Land Hessen gehört. Philipp Schütz hat die Auswanderung der Deutschen nach Rußland untersucht und die Ergebnisse im Buch "Der Ruf der Zarin" dargestellt. Dieser Untersuchung nach kommen meine Vorfahren von Süd-Ost Hessen, aus dem Gebiet um Gelnhausen und Büdingen (frühere Landkreise Hanau, Gelnhausen, Schlüchtern; heutiger Main-Kinzig-Kreis).  Die Auswanderung begann 1763. Zunächst versammelten sich die Auswanderer in Büdingen, von da im Landmarsch ging es über Hannover und Hamburg nach Lübeck und weiter per Schiff nach Sankt Petersburg. Nach Registrierung wurden den deutschen Kolonisten Landstriche, überwiegend in südlichen Regionen Rußlands, zugewiesen. Meine Vorfahren kamen so in einer Gruppe bestehend aus 72 Gründerfamilien nach Belowesch ins Gebiet (damals Gouvernement) Tschernigow, Ukraina. Der Name "Schwarz" ist auf der Liste dieser Gründer sowie auch auf der Liste der Auswanderer aus Büdingen vorzufinden. Erwähnt ist Anna Elis. Schwarz geboren in Gelnhausen 27.05.1741 als ältestes Kind der Familie.

 

Die Kolonie Belowesch wurde 1767 gegründet und bestand aus 6 Dörfern: Kleinwerder und Großwerder (katholische Gemeinde), Kaltschinowka, Rundewiese, Belowesch und Gorodok (evangelisch-lutheranische Gemeinde). Das Dorf Belowesch  mit einer Kirche bildete das Zentrum dieser Gemeinde. Auch 150 Jahre später wurden wir - Nachkommen der Beloweschkolonie im Volksmund Pelmescher genannt. Diese Bezeichnung ist auf den Namen Belemösche zurück-zuführen. So hies eine alte Stadt auf dem Territorium der Kolonie (zur Zeit der Gründung waren nur Fundamente dieser Stadt zu sehen).

Die vier Dörfer der evangelischen Gemeinde, zu der auch meine Ureltern gehörten, lagen nah (0,5 bis 2 km) nebeneinander  und waren mit Häuser entlang einer Sraße, die durch das Dorf zog, bebaut. Die Kolonisten vermehrten sich und schon im Jahre 1807 lebten in Belowesch 35 Familien mit 239 Personen, Rundewiese - 36 Familien mit 238 Personen, in Kaltschinowka 21 Familien mit 154 Personen und in Gorodok  37 Familien mit 187 Personen.

 

Meine Großeltern väterlicherseits  - Christian Schwarz und seine Frau Scharlotta (geb. Hofmann) lebten in Rundewiese, wo auch mein Vater, Jakob Schwarz, 1873 geboren wurde. Die Kolonisten lebten arm und vor allem aufgrund Landmangel ist 1883 mein Großvater mit der Familie nach Nordkaukasus umgezogen und hat sich im Dorf Kronental angesiedelt.

 

Meine Mutter, Philipine Dell wurde 1884 im Dorf Belowesch geboren und ist 1887 im Alter von 3 Jahren mit der Familie nach Kronental gekommen. Kronental war eine Tochterkolonie der Beloweschkolonie. Die meisten Einwohner von Kronental kamen aus den vier Dörfern der evangelischen Gemeinde der Beloweschkolonie und in meiner Kindheit wurde von Erwachsenen viel über Beloweschkolonie gesprochen und erzählt.

 

Mein Vater heiratete Scharlotta Luft. Aus dieser Ehe entstammen 7 Kinder; Maria (1896), Johann (1898), Lydia (1900), Gottlieb (1901), Karl (1903), Emilia (1908) und Otylia (1910). Scharlotta starb 1910. Nach 3 Jahren heiratete der Vater meine Mutter. Sie war zu dieser Zeit Witwe mit einem Sohn - Wilhelm (geboren 1908) aus der Ehe mit Wilhelm Sartison (ebenso einen aus Beloweschkolonie). Meine Eltern hatten gemeinsam 4 Kinder: Karlina (1918), ich - Jakob (1924), Fronika oder Veronika (1928) und Emanuel (verstarb klein).

 

Meine Großeltern waren arm. Mein Vater war mit  18 Jahren  als  ältester Sohn der Familie gezwungen in die Knechtschaft  zu gehen.  Meine Mutter erzählte mir wie arm  mein Vater  in seiner Jugend lebte. Vor seiner Heirat diente er bei  einem vermögenden Bauer. Für ein Jahr Knechtdienst bekam er ein zweijähriges trächtiges Rind, dazu etwas  Kleidung. Der Bauer, bei dem mein Vater diente war der einzige, der im Kronental ein zweistöckiges Haus hatte. Er  hieß Johannes (Hannes) Dell und war ein Bruder von Karl Dell, meinem Großvater mütterlicherseits.

Mir blieb gut in Erinnerung wie Hannes Dell, anfangs dreißigsten Jahren,   von   den Bolschewiken als Kulak anerkannt wurde. Sein Haus wurde abgerissen und zerstört. Während der Zerstörung spielte ein Orchester Blassmusik. Der Orchester bildete einer vom Einwohner unseres Dorfes - Kurz mit seinen vier Söhnen. Einer von diesen  Söhnen, Jakob Kurz, war mein Kamerad mit dem ich in die Schule ging. Die Musik sollte bei uns den Hass gegenüber Kulaken erzeugen.   

 

Hannes Dell war ein geduldiger, gläubiger und im Dorf  angesehener Mann, der keinem Leid getan hatte. Darum blieb er verschont und  wurde nicht wie andere  Kulaken nach Sibirien verbannt.

 

Im Leben der Kronentaler hatte der Glaube einen großen Stellenwert. Zur Zeit meiner Kindheit hat der bolschewistischer Staat alles getan, um den Glauben aus den Menschen zu verdrängen. Die Kirchen wurden zerstört, viele Gläubige nach Sibirien verschickt und einige sogar erschossen. Religionsversammlungen waren verboten. Mein Vater war ein frommer Mann und trotz des Verbotes sammelten sich bei uns zu Hause die Glaubensbrüder, unter ihnen war auch Hannes Dell.

Mein Vater hatte ein gutes Gedächtnis und konnte viele Stellen aus der Bibel auswendig zitieren und auch das Wort Gottes gut auslegen. Er lernte nur drei Jahre in der Schule. Durch das ständige Lesen der Bibel beherrschte er die gottische Schrift bestens und nur wenig die lateinische.

 

Als ich 10-12 Jahre alt war ging die Brille meines Vaters kaputt und ich musste bei diesen Religionsversammlungen die Bibel vorlesen. Ich durfte den Raum nicht verlassen und über Stunden zur Stelle sein, um die Bibel zu lesen. Meine Gedanken waren natürlich bei meinen Kameraden, die irgendwo spielten.  Dennoch habe ich mehr oder weniger aufmerksam die Diskussionen über die Bibel, deren Auslegung, über den Glauben angehört und auch die Bibel fast komplett durchgelesen und vieles auch eingeprägt.

 

In Kronental waren die meisten in der Freien Kirche und gehörten zu den Baptisten. In den Jahren 1870-1900 war diese Abzweigung von der evangelischen Kirche zum Baptistentum bei Russlanddeutschen sehr verbreitet. Begünstigt wurde dies sicher auch durch die begonnene massenhafte Übersiedlung der Deutschen aus Russland nach USA, Canada, Argentinien, Brasilien. Das Baptistentum ist im 17. Jahrhundert in England entstanden. Im Unterschied zur evangelischen Kirche werden nicht die kleinen Kinder getauft, sondern (wie auch Jesus Christus) Menschen im erwachsenen Alter, wenn jeder in der Lage ist bewusst zu entscheiden wie er zu Gott und zum Glauben steht. Mein Großvater und Vater haben in Kronental das Baptistentum, den Glauben mit Großtaufe angenommen.

 

Der Rausch der erwähnten großen Auswanderung kam auch nach Kronental. 1906 reiste Jacob Holderbein mit Familie nach Argentinien aus. Nach zwei Jahren kamen sie zurück und haben dieses Land als Auswandererziel eher negativ geschildert. Darauf brachen viele nach Canada auf, wo die Regierung die Deutschen sehr willkommen hieß und jeder Familie Ackerland zuteilte, das in drei Jahren das eigene wurde. Auch meine Großeltern mit den Familien zwei Söhnen – Heinrich und Alexander – sind 1910 nach Canada ausgereist. Mein Vater war auch in der Vorbereitung mit ihnen auszuwandern. Aber 1910 verstarb seine Frau Scharlotta und er stand mit 7 Kinder alleine da. Dazu hatten zwei Kinder Trachom bekommen und mit dieser ansteckenden Erkrankung durfte man nach Canada nicht einreisen. So blieb er in Kronental.

 

Nach seiner Eheschließung (1895) machte sich mein Vater selbstständig. In der Nähe vom Dorf Schönfeld, 10 km von Kronental entfernt, kaufte er ein Stück Land 10 Deßjatin groß (1 Desjatin = 1,09 ha), wo er überwiegend Weizen, Gerste, Hafer, Zuckerrohr pflanzte. Es gab auch ein Melonenfeld (Bachtscha) mit von mir sehr geschätzten Wasser- und Honigmelonen. Als Bauer ging es meinem Vater immer besser. In den Jahren1910-1917 hatte er schon 4 Arbeitspferde mit Fohlen (Hutschen), mehrere Melkkühe mit Rindern, Schweine und andere Haustiere.  Zu     dieser Zeit kaufte er sich noch ein Deßjatin Land auf dem Estenberg, 4 km nördlich von Kronental und pflanzte einen Weingarten mit Muskatreben. Jährlich machte er bis 180-200 Eimer (1 Eimer = 10 l)  Wein, den er verkaufte, um seine Bauernwirtschaft zu unterstützen. Meine Schwester Karline und ich mussten beim Weinmachen die Trauben in den Fässern mit  bloßen   Füßen zertreten. Danach wurde der Mast abgesiebt und  mit einer Schraubenpresse gepresst.

 

Der Muskatwein von meinem Vater hatte sehr gute Qualität und wurde gern gekauft. Auch meine Mutter wusste ihn zu schätzen. Ein-zwei mal pro Tag verschwand sie im Keller, um einen Krug Wein zu kosten. Meine Mutter war eine einfache Frau die sich ausschließlich mit dem  Haushalt und den Kinder beschäftigte. In die Schule ging sie nur zwei Jahre und wie sie erzählte ihre Schulaufgabe war den Lehrer zu lausen (Läuse gehörten damals in Kronental zur Normalität). Dafür bekam sie gute Noten. Lesen und Schreiben hat sie nicht gelernt. Meine Mutter hat auch nie verstanden mein ständiges Streben nach besserer Ausbildung, mein Lernen im erwachsenen Alter. Meine 7 Klassen Schulausbildung waren für sie mehr als ausreichend.

 

 Nach der Oktoberrevolution (1917) wurde das Land nationalisiert und den Bauern ihr eigenes Land verpachtet. Sie mussten jährlich Steuern zahlen. 1929 fing  in Kalmykien die Kollektivierung (Bildung der Kolchosen) an. Die Eigentümer mussten ihr Land, Pferde, Ochsen, Kühe, Landmaschinen, Inventar u. a. alles kostenlos in die Kolchose abgeben. Auch die Bauern selbst wurden gezwungen in die Kolchose einzutreten. Wer sich  währte, wurde als Verbrecher genauso wie die Vermögenden (Kulaken) nach Norden, nach Sibirien verbannt.

 

Zur Zeit der Kollektivisation wurde mein Vater von der Kreisverwaltung als Mittelbauer gelistet (also nicht reich und nicht arm). So wie auch andere Dorfgenossen musste er  sein ganzes Hab und Gut abgeben.

Das Dorf  Kronental wuchs in den Jahren1910-1930 ziemlich schnell und aus Land- und Platzmangel für neue Bauernhöfe wurden in Entfernung von 10-20 km Töchterdörfer: Schönbrunn, Schönfeld, Neufeld, Friedental,   Reinfeld, Rosental gebaut.

 

Das Dorf Kronental hieß so bis 1924, danach – Nem Chaginka (Deutsch Chaginsk), und seit 1945 – Uljanowka. Ich  bin  also am 13. Oktober 1924 im Dorf Nem Chaginka, Kalmykische autonome Republik, geboren. Ich und meine Eltern lebten da bis zum 7. November 1941.

Unser Haus, eine Erdhütte (Zemljanka) mit Dachziegeln  bedeckt stand im Zentrum des Dorfes (das Haus stand bis 1963), auf einem Hof von 0,85 ha (1850 m²). Hier hatte mein Vater einen Obstgarten (101 Bäume: Äpfel, Birne, Pflaumen, Kirschen, Aprikosen u. a.) angelegt. Die Früchte dieses Gartens haben wir nicht genossen – 1941 kam der Krieg und die Deportation.

 

Die Einwohner von Nem Chaginka waren überwiegend Deutsche und nicht nur die Umgangssprache, sondern auch die Amtssprache sowie Schule waren deutsch. 1931-1938 besuchte ich die Dorfschule. Der Unterricht in allen Fächer wurde deutsch gehalten. Die russische Sprache wurde als Fremdsprache gelernt. Nach sieben Klassen meiner Schulausbildung beherrschte ich die russische Sprache recht gut. Nach dem Schulabschluss war ich etwa ein Jahr zu Hause und half meinen Eltern bei den alltäglichen Aufgaben. Vom März 1940 bis November 1941 arbeitete ich als Berechner (Utschetschik) in einer Traktorenbrigade in Kolchose "Rosa Luxemburg". Zu dieser Zeit lebten im Dorf Nem Chaginka etwa 5000 Einwohner und es gab im Dorf drei Kolchosen - "Rosa Luxemburg", "Karl Marx" und "Molotow".

 

Deportation

 

Am 22 Juni 1941 begann der Deutsch-Russische Krieg und schon ab Juli 1941 begann die Deportation der deutschen Bevölkerung aus westlichen Teilen der Sowjetunion (Ukraina, Moldawien, Krim) nach Osten. Die gesamte deutsche Bevölkerung wurde zwangsweise durch Gewalt des Militär und der Polizei (Miliz) nach Sibirien und Kasachstan vertrieben (verschleppt).

 

Meine Eltern, ich und meine Schwester Veronika (Fronika) wurden am 7. November 1941 deportiert. In der Sowjetunion war 7. November der größte Feiertag - Tag der Oktoberrevolution, Tag an dem die Machteroberung in Russland von Bolschewiken am 25 Oktober 1917 (alter Stil) oder 7. November 1917 (neuer Stil) gedacht wurde.

 

Kurz vor der Deportation wurden alle männlichen Personen der deutschen Einwohner unseres Dorfes sowie auch Nachbarndörfer im Alter von 16 bis 60 Jahren zum Dienst einberufen. Wir wurden in Kolonnen zusammengestellt und in  Marsch gesetzt. Zu Fuß, bewacht von Soldaten, ging es los. Der Befehl lautete, - nach Stalingrad, Schützengräber für die russische Arme schanzen. Aber wie es sich schnell herausstellte - dies war nur eine Täuschung. Das eigentliche Ziel war es, die handlungsfähigen Männer wegzubringen, um die Vorbereitungen der Deportation ungestört durchzuführen. Nach zwei Tagen Marsch (wir kamen gar nicht so weit weg) kam neuer Befehl - umkehren, zurück nach Hause. Als wir in unserem Dorf ankamen - abends, 6. November 1941 -war es bereits von Soldaten und Polizisten abgeriegelt. Am nächsten Tag früh morgens kamen aus verschiedenen Ortschaften der Umgebung Pferdewagen von Russen kutschiert, um die Deutschen nach Salsk wegfahren.

 

An diesem Herbsttag war es trüb und es regnete. Mein Vater, damals 68 Jahre alt, bastelte ein provisorisches Dach auf die Fuhre und bedeckte es mit Rind- und Sauleder. Im ganzen Dorf stand Jammer und Weinen, niemand wusste was mit uns geschieht. Es herrschte allerwegs ein Chaos. Anstatt das Notwendige   einzupacken  und sich auf den langen und ungewissen Weg vorzubereiten  ging  meine  Mutter  mutlos  hin und her  und  weinte.  Uns  allen  war es  auch  nicht  wohl.  Endlich  fuhren  meine  Eltern  und  Schwester  Veronika  weg  zur  Station  Stadt  Salsk,    65  km von  unsern  Dorf entfernt. Am  nächsten  Tag  stiegen  sie und tausende andere Vertriebene in den Zug   ein   und  folgten  in  Richtung  Stalingrad . Sie  kamen aber  nur  bis  zur  Stadt  Sarebta  (30  km vor Stalingrad). Die  Station  und  der Bahnhof  wurden  ständig   von  deutschen  Flugzeugen bombardiert. Der Zug stand auf dem Bahnhof Sarebta 13  Tage  lang.  Rund um den Zug durch die Bombardierung lag alles in Schutt und Asche. Der Zug mit vertriebenen Deutschen bekam keinen Kratzer. War es Gottes Willen oder die hervorragende Arbeit des Abwehrdienstes der deutschen Armee - das ist bis heute ein ungelöstes Geheimnis.

 

Nach  der  Abfuhr  meinen  Eltern  nach Station  Salsk  blieb  ich  mutwillig  zurück,  um  zusätzlich  Essmittel  mit  zu  nehmen.  Da ich in der Vorkriegszeit in einer Traktorenbrigade arbeitete und mehrere Arbeiter kannte, habe ich   mich   mit  einem von den Traktoristen abgesprochen. Dieser fuhr mich zur Bahnstation Dwojnaja,  weil  die  Stadt  Salsk  zu  dieser  Zeit  zerbombt  lag.  Hier  in  Dwojnaja  lagerten  in  einer  Schule  noch  Hunderte  andere  Familien der Vertriebenen.  Ich  mit  meinem  Gepäck  schließ mich  der Familie von  meinem älteren Bruder  Johann an.

 Nach  14  Tagen  unserer  Vertreibung  kam  der  Zug  von  Sarebta  zurück,  weil  die  Eisenbahn  nach  Norden  zerschlagen  war. In diesem Zug waren auch meine Eltern. Ich nahm mein  Gepäck ( Bettswäsche,  Mehl,  Grütze,  Fleisch  und  Speck ),  alles  zusammen ungefähr  200  kg  schwer  und  stieg    in den Zug  zu  meinen  Eltern ein. Der  Zug folgte  jetzt nach  Süden.  Nach   zwei  Tagen kamen  wir  in  die  Stadt  Baku am  Kaspischen  Meer.  Hier  stiegen  wir  aus  und  mussten  uns  lagern  am  Ufer  des  Meeres  unter freiem  Himmel  auf  die  nasse  Erde. Es gab überhaupt nichts. Niemand hat sich auf irgendeiner Weise um uns gekümmert. Zum Essen hatten wir das Mitgebrachte. Ansonsten machte uns die Not erfinderisch.

 

Nicht  weit  entfernt  waren    gebrannte  Ziegel gelagert.  Wir, die jungen  Leute,  nahmen  die  Ziegel (ohne Erlaubnis, also klauten) und  pflasterten einen  trockenen  Grund,  um  darauf  zu  schlafen.  Es  gab  auch  kein  Trinkwasser  und  keinen Brennstoff.  Nachts,  heimlich  haben  wir  uns    mit  Wasser  und  Brennholz  aus  Wagons, die auf dem Bahnhof standen, versorgt.

 

Hier, in Baku lagerten wir  3  Tage  lang.  Zu  dieser  Zeit  kamen  dazu  noch  zwei  Züge  mit  Deportierten . Abends  wurde befohlen - auf das Schiff. Und wir alle - Junge und Alte, Kinder und Greise, insgesamt ca. 3000 Menschen auf dem unüberdachten Deck eines Öltankers zusammengepresst. Man konnte sich kaum bewegen. Den Ellenbogen vom Nachbarn hast du immer gespürt.

 

Mir gelang es auf die Kapitänsbrücke nach oben zu kommen und hier verbrachte  ich  die   ganze  Reisezeit.  Von  hier  aus gab es eine  wunderschöne  Sicht  auf das  Meer. Die Schifffahrt von  Baku  bis  nach  Krasnowodsk (Turkmenistan),  nach  Osten  dauerte   24  Stunden.  Das  Meer  war  still,  ohne  Wellen. Nach  der  Nachtreise,  am  nächsten  Tag  gegen  Mittagszeit  blieb   das  Schiff stehen.  Kurz  danach  kam das  Schiffspersonal  und  verlangte  die  Verstorbene,  die  unter  uns  waren.  Jeder  hat  seinen  Verstorbenen  verheimlicht  und  bewahrt,  um   ihn   auf dem  festen  Land zu begraben.  Sie  nahmen  mit  Gewalt  die  Leichen  und  warfen  sie  ins  Meer,  mit der Erklärung - das  Schiff  kann nicht  weiter  mit  den  Toten  gehen. Es  gab  ein  lautes  Weinen, ein  Geschrei, aber  das  alles  half  nicht.  Es  waren   7  Leichen,  meist  Kinder  und  Alte. 6 von  ihnen  wickelten  sie  in  Stoff  und  Tücher.  So  gingen  sie  im  Wasser   unter. Der  eine,  alte  Mann  wurde  mit  einem  einfachen  Bretterkasten auch  in  das  Meer  geworfen.  Diesen  sah  ich, da ich oben auf der Brücke stand,  eine  lange  Zeit auf dem Meer schwimmen. So  ein  Begräbnis  machte auf mich einen großen  Eindruck. Da   ich  zu  jener  Zeit als  junger  Knabe noch    nicht  beten  gelernt  habe, habe  ich  aus  Leid  den  Toten  einfach  ein  Gutes  Ankommen  in die Welt  Gottes gewünscht.

 

Tief bedrückt dachte  ich  dass,  bei unserem  Unglück es  ein  Glück  war, dass meine  Schwester  Karline ihr verstorbenes Kind in  der  Stadt   Baku  begraben konnte. (Karline hat ihren Mann -  Philip  Braun - in den ersten Kriegstagen verloren, ist er als Soldat gefallen).

 

 Als  wir  auf  der  Ostseite  des  Kaspischen  Meeres  in  Krasnowodsk  ankamen,  wiederholte sich  wir  dasselbe,  wie  auch  in  Baku.  Es  war  eine  arme  Stadt,  ohne  Wasser, ohne  Heizstoff,  kein  eigenes  Essmittel,  dazu  in  der  Sandwüste.  Hier  lagerten  wir  auch  3  Tage  unter  freiem   Himmel.  Wir  Jungen, noch  voller  Kraft  und  Mut,  dazu  bereits mit Erfahrung  des  Wanderlebens  aus  Baku,  machten uns auf die Suche nach Brauchbarem.  Wir  gewöhnten  uns  an  unser  neues  Wanderleben. Tag  für  Tag  wurden  wir  frecher.  Zum  Beispiel:  in  dieser  Stadt  gab  es  kein  eigenes  Trinkwasser.  Das  Wasser wurde mit der Bahn  in  Tankwagen (Zisternen) gebracht, die versiegelt  und  verschlossen waren.  Wir  bekamen  nur  3  l Wasser  pro  Person  am  Tag.  Es  gab  auch  kein  Brandmittel  zum kochen, waschen.  Nach  Mitternacht  fingen  wir  an  uns  zu  versorgen.  Da  nur  ein  Wächter (Soldat)  auf  der  Station  wachte,  gingen  einige  nach  dem Wasser,  die  anderen  gleichzeitig  nach dem Holz,  weil  die  Wagons in   verschiedenen  Richtungen  standen.

 

Da  wir  jetzt  schon  einen  Monat  lang  unterwegs  waren,  ohne  Bad ,  ohne  Wäschewechseln,  gab  es  Läuse  und  Hautkrankheiten.  Wir  wuschen  uns  im  Meer,  im sehr  salzigen  und  kalten Wasser. 

Nach vier  Tagen kam nach  Krasnowodsk ein  Schiff   aus der  Stadt  Machatschkala  mit  vielen  unsern  Verwandten  und  Bekannten.  Hier  trafen  wir  uns  mit  anderen Familien, meinen  Brüdern  und  Schwestern  und weiteren Verwandten -  Maria  Schönberg,  Johann,  Gottlieb  und  Karl  Schwarz, Lydia  Mück,  Emilie  Schwarz,  Otilie  Dell,  Wilhelm  Sartison (mein  Bruder  mütterlicherseits).

 

Am  nächsten  Tag  bekamen  wir dein  Befehl  zum  Einsteigen  in  einen  Zug ,  der  aus  Viehwagons gebildet  wurde . In  diesem  Zug  durften  nur  die jenige weiter  fahren, die  bereits  vor  3  Tagen nach Krasnowodsk  kamen,  d.h., ich  mit  meinen  Eltern  und  Schwester  Karoline  mit  ihrer 4jährigen  Tochter  Maria.  Der  Zug  ging  durch  ganz  Mittelasien,  durch Städte:  Aschchabad,  Taschkent,  Alma-Ata,  Semipalatinsk,  von  hier  nach  Norden - Petropawlowsk,  Koktschetav  und  zuletzt  Station  Taynscha , damals  Dorf  Suchotino,  jetzt  Stadt  Krasnoarmeysk.  Mitte im Winter kamen wir nach Nord Kasachstan mit seinem rauen Klima.  Für  uns  Kaukaser, die den heißen Sommer und milden Winter gewohnt waren, war es ein grausamer  kalter  Ort. Am Tag unseres Eintreffens waren es - 40°C.

 

 Als  wir   aus den Wagons ausstiegen,  war  es  spät  abends  (22  Uhr).  Aus  allen  Nachbardörfern  kamen Fahrer  mit  Pferdeschlitten. Es  waren  Kasachen,  Russen, aber auch Deutsche. Als wir die deutsche Sprache vernommen haben, gingen wir sofort auf diese Leute zu. Dies waren so gesagt Heimische - die lebten hier schon seit mehreren Jahren und wurden verpflichtet, die Vertriebenen von der Station abzuholen und nach beschlossener Verteilung sie in die bestimmten Ortschaften zu bringen. Uns gelang es, auf "deutsche" Schlitten zu landen. Für jede Familie gab es einen Schlitten, insgesamt acht. an diesem Abend brachten sie uns in  ein  Wohnhaus, in den  Expeditionshof  des Kolchoses  Landmann  Dorfes  Nowodworowka. Hier  bekamen  wir  heißen  Tee,  übernachteten  und  am nächsten Morgen,  fuhren  wir  in die  neue  Heimat, 45 km von der Station entfernt.  Es  war  der  4.  Januar  1942 . Insgesamt waren wir auf dieser, für uns historischen und schicksalstragenden Reise  58  Tage.

 

Auf dieser elenden Reise bedrückte uns die Unwissenheit. Wir wurden als Gefangene, als Verbrecher behandelt, bewacht von Soldaten und Polizisten. Es fehlte jegliche Information - was, wohin, wann; wie wird es morgen, übermorgen und später sein. Auf diese Frage gab es keine Antwort. (Ich vermutete, dass unsere Wächter auch nicht viel mehr wussten). Medizinische Hilfe gab es keine. Der beschwerliche Weg brachte Krankheiten, schwächte die Leute. Er verlangte auch Todesopfer, vor allem starben alte kranke Menschen, sowie kleine Kinder.

 

Ohne verschuldet zu sein wurde uns alles genommen - die Heimat, das geregelte Leben, der sicher nicht großer und dennoch Wohlstand, unsere Häuser, unseres Hab und Gut. Vom Nordkaukasus wurden wir in das kalte Sibirien verschleppt. Hierher kamen wir bettelarm, ohne Rechte, ohne Aussicht in die Zukunft. Nicht alle haben diese Reise überlebt. Bereits bei der Ankunft ahnten wir, dass das Schlimmste noch vor uns  liegt.

 

Nowodworowka (1942 – 1963)

 

Am Nachmittag den 4. Januar 1942 kamen wir in das Dorf Nowodworowka, Kreis Tschkalowski, Gebiet Koktschetaw. Nowodworowka (bei Gründung – Neuhof) wurde 1907 von Deutschen gegründet die mit Hoffnung auf viel Land und gutes Leben nach Kasachstan kamen. Zum Kriegsanfang lebten hier um  150 Familien, ca. 750 Personen. Bis auf zwei polnische Familien (die 1936 aus West-Ukraina hierher vertrieben wurden) waren es ausschließlich Deutsche. Die Einwohner von Nowodworowka konnten kaum russisch, bis 1938 funktionierte nur die deutsche Schule. Die Menschen lebten arm, überwiegend in Erdhütten, bestehend aus ein oder zwei Wohnzimmern, Küche, meistens angeschlossen am Viehstall. 1941 wurden die Männer im Alter von 18 bis  60 Jahren in die Arbeitsarmee mobilisiert. Die arbeitete im Ural oder hohen Norden unter unmenschlichen Bedingungen. Nur wenige haben die Strapazen der Arbeitsarmee überlebt und kamen in den Jahren 1949-1953 zurück.

 

Koktschetaw Gebiet liegt im Süden der West-Sibirischer Ebene. Von hier bis zum Eismeer im Norden gibt es keinen einzigen Hügel. Und der Wind vom Eismeer ohne Hindernis brachte Kälte wie im Sommer so auch im Winter. Der Winter war die schlimmste Jahreszeit – mit unheimlich viel Schnee, Schneestürme, Frost bis über -40°C  machte er zu schaffen wie den Meschen so auch dem Vieh. Kaum ein Jahr verging ohne dass jemand aus Nowodworowka nicht erfror. Den ersten Herbstfrost gab es ende August. Der Frühling mit Schneeschmelze kam gewöhnlich ende April, aber der letzte Schneesturm konnte im Juni sein. Im Juli und erste Hälfte August war es warm, mit langen Tagen und sehr kurzen Nächten. Ende Juni gab es eigentlich keine Nächte, nur Dämmerung für zwei Stunden. Das lange Tageslicht mit Sommerwärme waren ausreichend für das Gedeihen von Weizen, Gerste, Kartoffeln, Erbsen, sowie einige Gemüse – Möhren, Kohl, Gurken, Zwiebeln. Obst gab es nicht.

 

Als wir ankamen begrüßte uns Heinrich Schütz, Vorsitzender des Kolchoses „Landmann". Jede angekommene Familie wurde zugewiesen zum Wohnen in Häuser von Heimischen. Meine Eltern, ich, die Schwestern Fronika und Karline mit ihrem Kind kamen ins Haus der Familie Noll. Hier in einer Erdhütte mit einem Wohnzimmer 18 m² groß und einer Küche lebte Frau Noll mit zwei Kindern (ihr Mann wurde bereits in die Arbeitsarmee mobilisiert und kam nie zurück). Auf diesem engen Raum lebten wir 9 Personen ein halbes Jahr zusammen. Als wir kamen im Januar war von der Erdhütte wenig zu sehen – nur ein Tunnel im Schnee zur Haustür und ein Loch im Schnee, der über dem Dach lag, aus dem der Rauch aus dem Schornstein empor stieg.

 

Nach unserer Ankunft in Nowodworowka wurden wir zu verschiedenen Arbeiten im Kolchos verteilt. Mein erster Arbeitsplatz war der Viehstall. Ich wurde Ochsenpfleger. In den Kriegsjahren Pferden und Ochsen waren die Kraft, mit der die meisten Landwirtschaftlichen und Transportarbeiten verrichtet wurden. Den ersten Lastkraftwagen hat der Kolchos 1950 bekommen. Ab Sommer 1943 wurde ich Berechner in der Traktorenbrigade und gleichzeitig verantwortlich für dir Zustellung für den Sprit und auftanken der Traktoren. Ab 1945 arbeitete ich als Berechner in der Molkerei und Viehzucht.

 

Der Winter 1942 war für uns extrem schwer. Die mitgebrachten Lebensmittel gingen zur Ende. Was Essbares auftreiben war kaum möglich -  Geld hatten wir keins, und kaufen gab es sowieso nichts. Wir haben unsere letzte Kleidung und Fußwerk für die Lebensmittel und Salz in den Nachbardörfern ausgetauscht. Es gab auch keinen Heizstoff. Den haben wir auf den Feldern im Schnee gesammelt.

 

Mein erster Beschaffungszug  war so dramatisch das ich alle Details bis heute in Erinnerung  habe. Meine Schwester Karline und ich fuhren mit einem ruhigen Ochsen „Juk" (Käfer) nach Brennstoff. In einer Stunde, 4-5 km vom Dorf entfernt stoßen wir auf ein Feld mit Sonnenblumenstengel. Diese haben wir so tief wie möglich im Schnee abgebrochen und auf den Schlitten geladen. Als der Schlitten voll wurde haben wir die Ladung mit einem Strick verbunden und machten uns auf den Heimweg. Zu dieser Stunde dämmerte  es bereits und es begann zu schneien. Der Wind wurde immer stärker und stärker. Es erhob sich ein Schneesturm.  Mann konnte kaum die Augen aufhalten und was sehen. Bis wir vom Feld auf den Weg kamen war die Spur unseres Schlittens verweht, es wurde Dunkel. Wir standen auf dem Weg und wussten nicht in welcher Richtung fahren, nach rechts oder nach links. Diese Entscheidung überliesen  wie dem alten einäugigen Ochsen. Und tatsächlich – der nahm die richtige Richtung. Karline und ich liefen dem Schlitten nach. Dabei ist mir die Richtung des Windes aufgefallen – der kam von hinten und, etwa 45°, rechts. Zum urinieren blieb ich kurz zurück. In einigen Minuten lief ich weiter, aber der Schlitten und der Weg waren weg. In dem Schneesturm, in der Dunkelheit habe ich geschrieen, lief hin und her.  Vergeblich. Es war nichts zu sehen, zu hören. Mit Willenskraft beruhigte ich mich; „nur keine Panik" sagte ich mir ständig. Klaren Kopf, Ruhe haben mich gerettet. Ich orientierte mich nach der Windrichtung und marschierte im Schnee so, das der Wind immer von rechts hinten kam. So ging ich blind ungefähr eine  Stunde. Plötzlich fiel ich in eine Grube,  ca. 2 m lang, 1 m breit und 1,60 – 1,80 m tief. Hier unten war es still und ich ruhte mich ein wenig aus. Danach tastete ich um sich und fand ein Grabscheit. „Ich bin im Grab!" – dieser Gedanke erschreckte mich nicht, sondern erfreute – „ich bin zu Hause!". Der Friedhof befand sich 300 m entfernt von meinem Haus.

 

Ich kletterte aus dem Grab, stellte sich wieder in Windrichtung und ging los, zählend die Schritten. Ich durfte nicht mehr als 500 m laufen, sonst durchquerte ich das Dorf und bin verloren. Ich ging langsam vorwärts. Es war ziemlich kalt, meine leichte Kleidung war wie mit einem Panzer mit einer Schicht von Eis bedeckt. Es war nichts zu sehen. Keine Spur vom Dorf. Plötzlich vernahm ich Rauch. Er kam aus dem Schnee. Ich war auf dem Dach eines Hauses! Der Schneesturm begrabte das Dorf mit Schnee. Deswegen sah ich kein Licht, kein Haus. Ich erweiterte das Loch im Schnee,  wühlte sich bis zum Schornstein vor und schrie um Hilfe. Darauf grabte sich durch den Schnee der Herr Liebelt heraus (aufgrund der  schwerer  Behinderung wurde er von der Arbeitsarmee Befreit). Der erklärte mir, dass mein Haus sich drei Häuser weiter befindet und zeigte die Richtung. In einigen Minuten war ich zu Hause. Die Freude, als die Meine  mich sahen war unbeschreiblich. Ich wurde ja schon beweint. Jetzt weinten alle mit glücklichen Tränen und besonders meine Mutter.

 

Im Sommer wurde es besser. Es ging los mit den Feldarbeiten. Die wurden von Frauen und von uns – jungen Bengeln – verrichtet.  Hier gab es Essen. In der Brigaden wurde gekocht und das Essen den Mitarbeiter ausgeteilt. Dies war der eigentliche Lohn für die Arbeit.

 

Im Frühling 1943 machte ich in meiner Karriere einen Schritt nach oben – ich wurde Berechner im Bereich der Feldarbeiten. Der Feldlager der Brigade war ca. 8 km vom Dorf entfernt. Jeden Abend nach dem Arbeitstag musste ich den Bericht über die erledigte Arbeit in die Kolchosverwaltung vorlegen.  Und jeden Abend bin ich diesen weg schnell (bis zum Schwitzen) gelaufen. Nicht freiwillig, aber regelmäßig musste ich joggen. Wahrscheinlich war es für meine Gesundheit gar nicht so schlecht.

 

Zu meinen Pflichten gehörte das Bestellen zur Arbeiten. Von der Verwaltung wurden jeden Tag den Dorfbewohner die Arbeitsaufgaben zugeteilt. Ich ging von Haus zu Haus und gab diese Aufgaben weiter. Dabei sah ich wie die Menschen lebten und mir fiel auf, dass in jedem Haus es kaputtes und unbrauchbares Geschirr und andere Haushaltssachen gab. Ich kam auf die Idee diese Sachen zu reparieren und damit für sich und auch für die Mitmenschen was Gutes tun. Davor hatte ich nie mit dieser Art handwerklicher Arbeit sich beschäftigt und hatte auch nicht wo und bei wem ich es lernen könnte. Ein Hammer, Zange, kleinen Amboss brachte mein Vater aus Kalmykien, Durchschläge, Hackmeißel und andere Instrumente machte ich mir in der Kolchosschmiede. Eine Blechschere habe ich gegen einen Eimer Hafer bei einem Deportierten aus Ukraine ausgetauscht. Aus einer Wagenachse  lies ich eine Art von Amboss anfertigen – mit unter bestimmten Winkel abgerundeten Enden. Jetzt hatte ich das notwendige Instrumentarium.

 

Im Winter 1942-43 begann ich mit diesem Handwerk. Meine Eltern lachten über meine Idee, und glaubten nicht dass ich es schaffe. Ich fing mit den einfachen Arbeiten an: mit Kupfer- und Alluminiumnieten verschloss ich kleine Löcher in den Töpfen und Pfannen, anderem Geschirr. In den Kriegsjahren gab es  kein neues Geschirr und ich hatte riesigen Erfolg. In kurzer Zeit gab es kein Platz  für das reparaturbedürftige Geschirr, das mir gebracht wurde. Für meine Arbeit bekam ich Kartoffel, Mehl, Milch, Butter, Eier, Quark u.s.w. (Preis nannte ich nie, die armen Leute gaben das was sie konnten) und dies war eine  sehr willkommene Unterstützung für uns.

 

Die Qualität meiner Arbeit besserte sich von Monat zu Monat. Ich fing an auch neues Geschirr aus Blech zu machen. Aus meiner kleinen Werkstatt (einer Ecke in dem Wohnzimmer unserer ganzen Familie) kamen Eimer, Schüssel, Becher raus. Da der Bedarf enorm war, machte ich auch Löffel, Gabeln und sogar Nadeln. Ich wagte den nächsten Schritt und schaffte sich an die Uhren. Die meisten im Dorf hatten aus der Vorkriegszeit einfache Wanduhren („Knacker", getrieben durch Gewichten). Viele Uhren gingen  einfach nicht durch Staub und Spinnwebe, die sich mit Jahren sammelten. Nach putzen und ölen waren sie wieder funktionsfähig. Wenn die Uhren wirklich kaputt waren, nahm ich Ersatzteile aus anderen und bastelte eine Uhr aus zwei-drei zusammen. Mit der Erfahrung machte ich mich an komplizierten Mechanismen. So wurde ich Uhrmacher, einzige im Dorf. Ich reparierte auch Kuckuckuhren, Wecker und sogar Taschenuhren. Je mehr ich mich mit der handwerklichen Arbeit beschäftigte, desto mehr Spaß brachte es mir.  Ich fing an aus materiellen Gründen, im Laufe der Jahre wurde es zu meinem Hobby. Mein ganzes Leben führte ich alle im Haushalt anfallende Reparaturen  verschiedenen Geräten selbst durch. Später, im Rentneralter wurde es zur meinen Hauptbeschäftigung und bereitete mir viel Freude.

 

Im Winter 1945 bekam ich wie auch andere junge Männer eine Vorladung ("Powestka") zur Arbeitsarmee. Man brachte uns nach Taintscha, den nächsten Bahnhof. Innerhalb von 3 Tagen sollte ein Zug zusammengestellt werden, um uns zu transportieren. In diesen 3 Tagen wurden wir zur Arbeit auf dem Elevator (Getreidespeicher) zugeteilt. Um die Unterbringung sollte sich jeder selbst kümmern, ich wohnte diese Tage bei meinem Kamerad - Ewald Bunk. Am dritte Tag kam der Befehl: nächsten Morgen, früh, mit Sack und Pack auf dem Bahnhof sein und los geht es.  Diese Nacht schlief ich kaum und entschloss mich zurückzubleiben. Früh morgens fuhren Ewald Bunk und noch zwei Kamiltonen zum Bahnhof, ich aber ging zum Arzt in die Polyklinik. Ich stellte mich als Elevator-Mitarbeiter vor und gab Durchfall und Bauchschmerzen an und bat um eine Arbeitsbefreiung (Krankschreibung). Ich hatte Glück. Der Arzt wurde dringend gerufen und überlies mich seiner jungen Praktikantin. Stolz das sie so was wichtiges tun darf, schrieb sie eine Bescheinigung, das ich 3 Tage nicht arbeiten darf. Ich nahm diese Bescheinigung und eilte glücklich zurück zur Marie Bunk, wo ich die letzte 3 Tage wohnte. Es war bereits Mittagszeit und sie hat mir nach Hause 45 km weit zu gehen abgeraten. Diesem Rat folgte ich. Am nächsten Tag früh morgens nahm ich Abschied von ihr und ihrer 18-jähriger Tochter Irma und machte mich auf den Heimweg. Es schneite leise, im leichten Wind wehte der Schnee über den Weg. Der Wind blies in den Rücken, so dass ich die 45 km bis zur Dämmerung schaffte. Hier in Nowodworowka wollte der Vorsitzende des Dorfrates mich als Deserteur vor das Gericht stellen. Ich zeigte ihm die Arztbescheinigung und es blieb dabei.

 

So hatte ich das große Glück fern von der Arbeitsarmee zu bleiben. Womöglich durch dieses im Grunde genommen sehr gefährliches Unternehmen blieb ich am Leben und kann heute dieses Buch schreiben. Viele kamen von der Arbeitsarmee nicht zurück. Auch meine Schwester Karline hat da sein Leben gelassen. Sie wurde 1943 zur Arbeitsarmee genommen. Später haben wir erfahren, das sie im Gebiet Archangelsk im Wald arbeitete und verunglückte tödlich.

 

Als wir nach Nowodworowka 1942 kamen hat der Vater mein Geburtsjahr nicht 1924 sondern 1925 angegeben. So steht es auch in der hier  angefertigten Geburtsurkunde. Somit wurde ich ein Jahr "jünger" und entsprechend wurde ein Jahr später in die Arbeitsarmee berufen. Es war schon Kriegsende, nicht mehr so streng und meine Flucht wurde nicht bestraft. Mein ganzes Leben bin ich dankbar meinem Vater für diese Weise, scharfsinnige Entscheidung mich jünger anzugeben. Auch der Vorsitzende des Dorfrates, Poplawski, hat zwar sehr geschimpft, dennoch sich erbarmt und nicht meine Flucht der Oberigkeit gemeldet. Ein Jahr früher hätte er sicher anders gehandelt.

 

Nach dem Krieg ging es bergauf. Ich arbeitete als Berechner in der Molkerei und Viehzucht und konnte die Familie mit Milchprodukten versorgen. 1947 schlug mir Heinrich Schütz, Vorsitzender der Kolchose, vor die Berufsausbildung als Buchhalter zu machen. Ich habe sofort eingewilligt und lernte 6 Monate in der Stadt Petropawlowsk (120 km entfernt) in der Berufsschule.

 

Mit 22 Jahren fuhr ich das Erste mal für längere Zeit aus dem Elternhaus weg. Ich hatte Scheu, aber der Wunsch nach Lernen war stärker. Ich packte das Notwendige und fuhr nach Taintscha. Auf dem Bahnhof machte ich mich mit Iwan Rakowski bekannt. Der wurde und ist heute noch mein nächster und bester Freund. Iwan Rakowski wohnte im Nachbarndorf Daschko Nikolaewka und genau so wie ich fuhr nach Petropawlowsk in die Berufsschule um Buchhalter zu lernen. Er war viel besser als ich gekleidet, hatte zwei große Koffer und aus Schamhaftigkeit und Schüchterheit habe ich mich ihm untergeordnet, wenn er auch 1,5 Jahre jünger als ich ist. Zu dieser Zeit hatte er mehr Erfahrungen. Als Soldat war er im Krieg beteiligt und aufgrund schwerer Armverletzung als Invalide aus der Armee entlassen.

 

In Petropawlowsk mieteten wir ein kleines Zimmer (8 m², Abstellraum in der Wohnung einer alten Frau), mit einem schmalen eisernen Bett, kleinem Tisch und zwei Stühlen. Wir schliefen so eng zusammen, so das nachts wenn einer sich umdrehen wollte musste der andere es auch tun. Iwan hatte in seinen zwei Koffern viel mehr mitgebracht und teilte alles großzügig mit mir. Es war knapp. Gezwungenermaßen teilten wir die Lebensmittel für jeden Tag streng ein. Bis heute erinnern wir uns wie Iwan mit dem Zucker schwindelte. Nach unserer Proviantration durfte jeder von uns zur Mahlzeit 2 Teelöffel Zucker nehmen. Wir kauften für einen Monat 4 kg Zucker. Iwan mochte sehr süßen Tee, und um mehr Zucker zu bekommen stellte er das Säckchen mit dem Zucker über die Nacht in einen feuchten Platz. Darauf wurden die 2 Teelöffel Zucker deutlich schwerer und die 4 kg reichten nicht aus. Da ich verantwortlich für die Lebensmitteleinteilung nach unserer Abmachung war, musste ich 1 kg Zucker zukaufen. Dies war sehr spürbar für meinen mageren Geldbeutel. Iwan hatte alles gestehen und wir lachten darüber. Vor kurzem sprach ich telefonisch mit ihm und schmunzelnd erinnerten wir uns an die Zuckerepisode. Anfang 1948 übernahm ich die Stelle als Buchhalter der Kolchose "Landmann" und übte diesen Beruf bis November 1952 aus. Iwan Rakowski war in diese Jahre Buchhalter in Daschko Nikolaewka.

 

1946 heiratete ich Erna Beck. Erna ist am 27.07.1927 in Nowodworowka geboren. Die Familie meiner Frau kam 1924 freiwillig nach Kasachstan. Sie hat 5 Geschwister: 2 Schwestern (Olga und Elsa) und 3 Brüder (Viktor, Alexander und Andreas). Der Großvater meiner Frau war ein Bauer (er kam nach Nowodworowka weil hier es viel freies Land gab), der Vater - Deutschlehrer der Schule. Die beide wurden 1938 verhaften und 6 Monate später ohne Gerichtsverfahren erschossen. Einen Grund dafür war der Briefwechsel meiner Schwiegermutter mit ihrer Schwester, die in Deutschland lebte.

 

Meine Erna ist eine intelligente, kluge und unendlich fleißige Frau. Sie arbeitete in dem Kolchos und schaffte den ganzen Haushalt. Wir arbeiteten zwar in dem Kolchos  verdienten aber fast nichts. Gelebt haben wir vom Garten, von der Kuh, vom Schwein, von den Hühner, die wir im Hof zu Hause gehalten haben. Im Garten pflanzten wir vor allem Kartoffel - die Grundnahrung in Nowodworowka. Zwiebeln, Knoblauch, Weißkraut, Mohrrüben (gelbe Rüben wurden sie in unserem Dialekt genannt), Gurken gehörten auch in Garten. Im Sommer, bis auf die Kartoffeln, musste man alles bewässern, regelmäßig jäten. Im Herbst ging es mit dem einlegen los. Kühlschränke waren unbekannt. Der Kohl wurde geschnitten, im Fass mit geriebenen Möhren und Salz gemischt, gepresst. Dies, sowie eingemachte Gurken, waren die Gemüse der Wintermonate. Die Kuh sollte gemolken, die Sau und Hühner gefüttert werden  und so weiter und so fort. Und dies alles schuf meine Frau alleine. Dazu noch gekocht, die Familie versorgt, gewaschen, geputzt.

 

Um Milch in den Wintermonaten zu haben, in der Zeit wenn die trächtige Kuh sein Kalb bekommt und nicht gemolken wird hat sich meine Erna was Besonderes einfallen lassen. Ab November stand schon ständig Frost. In dieser Zeit hat sie jeden Tag eine Schüssel mit Milch (ca. 5 l) in den Frost raus gestellt und danach das Eismilch im kalten Flur gestapelt. So sammelte sie bis 60-90 eingefrorenen Milchblocken. So hatten wir den langen Winter frische Milch. Arbeitstag von 12 - 16 Stunden war für sie Normalität. Erst nach Übersiedlung nach Deutschland hat sie gezwungenermaßen (aber auch mit Freude) mit der Garten- und Hofarbeit aufgehört. Die Gastfreundschaft meiner Frau ist sagenhaft. Bis zu jetziger Zeit, im Alter, nicht Gesund, schafft sie es unseres Haus zum Mittelpunkt, zum Treffpunkt der Familie zu machen. Und dafür bin ich sehr dankbar.

 

1949 starb mein Vater, 1961 die Mutter. 1950 bauten wir ein kleines Haus (Abb.), bestehend aus zwei Zimmern. Später haben wir angebaut eine Scheune und einen Stall, so dass man in den Wintermonaten das Vieh versorgen konnte ohne in Frost und Schneesturm hinaus zu gehen. Direkt vor dem Haus haben wir einen Brunnen gegraben und hatten sehr gutes Trinkwasser, ausreichend für uns und für die Nachbarschaft. Das Wasser aus dem Brunnen hat sogar ausgereicht um dem Garten im Sommer zu bewässern. Schleppen war es nicht leicht - Wasser ist bekanntlich schwer.

 

Erwähnungswert  ist auch so genannte Komendatur in Jahren 1946 - 1956. Es wurde den Deportierten vom Wohnort sich mehr als 6 km entfernen verboten. Der Sinn dieser "Komendatur" war die Deutsche von der Rückkehr in die Heimat abhalten. In den ersten Jahren wurde diese Bestimmung auch streng eingehalten. Zum Beispiel: als ich zur Berufsschule 1947 nach Petropawlowsk sollte, hat mir der Vorsitzender der Kolchose aus Alma-Ata, Hauptstadt von Kasachstan, ein spezielles Erlaubnis ("Propusk") gebracht. Nach 1950 durfte man nicht aus dem Deportationsgebiet wegziehen, aber das Fahren in die umliegende Ortschaften privat oder beruflich war nicht mehr eingeschränkt. Ab 1960 durften die Deutschen den Deportationsort verlassen, auch in die Heimat zurückkehren.

 

1952-1955 studierte ich 3 Jahre in Petropawlowsk in einer  speziellen Fachschule im Rahmen Vorbereitung zum Vorsitzenden der Kolchosen (wieder mit meinem Freund Iwan Rakowski zusammen). Zum Abschluss dieser Fachschule bekamen die studierende den Beruf Agronom und Zootechniker. Um die 3 Jahre voll ausnutzen habe ich gleichzeitig mich in den Fakultät Buchhaltung in Sowchosen und Banken in Form eines Fernstudiums eingeschrieben. Dazu habe ich abends noch meinen Fahrerlaubniss gemacht. Diese 3 Jahre in Petropawlowsk waren keine leichte Zeit. Aber ich war jung und wusste genau, dass meine berufliche Ausbildung den Erfolg im Leben und den Wohlstand meiner Familie bestimmen wird.

 

Im Vergleich zu ersten Kursen vor 5 Jahren waren wir diesmal nicht so arm. Wir hatten ein größeres Zimmer, jeder schlief im eigenen Bett und die Vermieterin kochte uns einmal pro Tag warme Mahlzeit. Iwan Rakowski und ich waren sehr eng befreundet, aber zu dieser Zeit übernahm ich die Führung. Ich war im Lernen fleißiger  und Iwan verlies sich ständig auf mich, auf meine Hilfe. In den 3 Jahren hatten wir 28 Prüfungen und in der Vorbereitung saßen wir recht viel über den Büchern. 2002 war ich nicht zufrieden mit den Lehrerfolgen meines Enkels Alexander in seiner Berufsschule und zeigte ihm mein Zeugnis aus Petropawlowskzeit – alle 28 Prüfungsnoten sind „Ausgezeichnet".

 

2-3 Mal pro Jahr fuhren wir nach Hause, um sich mit Lebensmittel zu versorgen (Kartoffel, Speck, Eier u.s.w.) und die Familien zu besuchen, standen Schlange um Brot, Zucker, Salz zu kaufen. Auch Trinkwasser gab es in der Straßenleitung nur einige Stunden pro Tag  und, um es zu bekommen standen wir mehrere Stunden abwechselnd Schlange. Es gab auch gutes: Fußball auf dem Stadion, das Baden im Fluss Ischim u.s.w. Wir waren eben Studenten.

 

Aus dieser Zeit möchte ich ein Vorfall erwähnen, der zeigt dass wir nicht nur gutes, sondern auch schlechtes in jungen Jahren getan haben. In dem Haus wo wir in Petropawlowsk  wohnten mietete ein Zimmer einen Zahnarzt, Jakob Milowanow, ein Jude um 60, der wohl aus politischem Grund aus Moskau nach Sibirien ausgesiedelt wurde. Der hatte in der Stadt keine Angehörige und verbrachte mit uns zwei öfters seine Freizeit, spendierte uns ab und zu einen Kino- oder Theaterbesuch, lud uns manchmal zum Essen ins Restaurant. Wir vermuteten dass er Gold hatte, da er goldene Kronen und Zahnprothesen den Patienten einsetzte. Gemeinsam benutzten wir einen Waschraum mit einem Waschbecken. Die Toilette befand sich im Hof des Hauses. Für die kleinen Bedürfnisse benutzte Milowanow nachts den Waschbecken. Um dies zu bestrafen haben Iwan und ich uns was ausgedacht. Ich schloss kurz den eisernen Waschbecken mit einer Steckdose. Gleich beim ersten Nachtgang bekam der Mann einen Stromschlag, und so stark, das er ins Krankenhaus musste. Wir bauten sofort alles ab, so das am nächsten Tag bei Untersuchung der Unfallursachen niemandem was auffiel. Bis Heute war es unser Geheimnis.

 

Nach dem Studium arbeitete ich im Kolchos „Landmann" als Agronom. Otto Noll war der Vorsitzende. Mit ihm hatte ich freundschaftliche Verhältnisse seit der Zeit unserer Zusammenarbeit 1945, ich als Berechner in der Molkerei und Viehzucht, er als Tierarzt. Als Vorsitzender des Kolchoses hatte Otto Noll nicht nur Freunde. Seine Gegner schuffen es ihn 1956 aus diesem Amt abwählen, obwohl die Kreisverwaltung stand ihm bei. An seiner Stelle wurde ich gewählt. So wurde ich anfangs 1956 mit 31  zum Vorsitzenden des Kolchoses "Landmann"  und arbeitete in dieser Position fast 8 Jahren, bis 1963. Kolchos „Landmann" besaß 7500 Ha, davon 3800 Ha Ackerland und beschäftigte sich überwiegend mit Landwirtschaft. Gepflanzt wurden Weizen, Gerste, Hafer, Buchweizen, Sonnenblumen, Silomais, Kartoffel und weniger Gemüse – Kohl, Gurken, Die Getreideernte war durch Niederschläge bestimmt und schwankte sehr von Jahr zu Jahr abhängig vom Wetter. Im Durchschnitt fiel pro Jahr 320-380 mm/m² Regen- und Schneewasser. Der Ackerboden war nur 18-22 cm tief, meistens Dunkelkastanie.

 

Ich war jung, gesund, ehrgeizig und widmete meiner Arbeit alles - Zeit, Energie, Wissen. Die Arbeit wurde mein Leben. Ich wollte der Beste sein und auf die Ergebnisse meiner Arbeit bin ich auch heute noch stolz. Voran gebracht habe ich die zwei wichtigsten Zweigen der Kolchose - Landwirtschaft und Viehzucht. Durch wissenschaftlich begründete Bearbeitungsmethoden des Ackerlandes und Verwendung immer besseren Saaten und Dünner stieg der Ernteertrag von Jahr zu Jahr. Mir gelang in das Amt - Landingenieur der Kolchose einen sehr guten Spezialist zu gewinnen - den August Eisner. Bis 1958 hatten die Kolchose keine Technik. Die befand sich in MTS (Maschinen-Traktoren Stationen) und gehörte dem Staat. Auch die Traktoristen, Mechaniker sowie Agronomen und weiteren Personal waren keine Kolchosen-Mitglieder. Die Kreisverwaltung wies die Technik den Kolchosen zur Feldarbeit zu und bestimmte damit den ganzen Ablauf der Landwirtschaft. In der Chruschtschow-Era gab es mehr und mehr Freiheit, die Kolchosen wurden selbstständiger. Die MTS wurden aufgelöst und die Technik und der Personal zwischen Kolchosen aufgeteilt. Bei der MTS-Auflösung leistete ich Überzeugungsarbeit in allen Richtungen, setzte alle Mitteln ein und bekam den Hr. Eisner, den besten Agronom der MTS. Nach 2-3 Jahren wurde der Kolchos "Landmann" einen von den Besten in unserem Tschkalowkreis. Mit richtiger Agrotechnik, trotz schlechten Voraussetzungen ernten wir Getreide bis 18-20 Doppelzentner pro Hektar (im Kreis durchschnittlich 8-12). 1963 war die Ernte so hoch, dass der Kolchos 300% des Getreideplanes dem Staat liefern konnte.

 

In der Viehzucht waren die Erfolge noch augenscheinlicher. Zunächst kaufte ich zwei Generatoren zur Stromproduktion. Es war ein großes Ereignis. Die meisten Einwohner der Nowodworowka sahen jetzt das Erste mal eine leuchtende Glühlampe. Gleichzeitig bauten wir einen  zweistockigen Stall für Hühner und Enten am kleinen Senn, nicht weit vom Dorf entfernt. Der Stall wurde hell beleuchtet und durch die verlängerte Lichtzeit stieg die Produktivität - damit hatten wir mit dem Eierplan nie mehr Problemen. Ich baute in diesem Stall auch einen Inkubator (Brütapparat). Mit diesem Inkubator haben wir nicht nur den Kolchosenbedarf an Kücken und Entchen gedeckt, sondern auch den privaten. Auf das Wohlleben und wachsender Wohlstand der Dorfbewohner habe ich immer geachtet und fühlte auch mich  stets verpflichtet für die Mitmenschen einiges zu tun.

 

Der Erfolg in der Milchproduktion ist besonders erwähnenswert. Die Milch wird durch das Futter bestimmt. Diese alte Bauerweisheit war mir seit Kindheit bekannt. Und ich bekam ausgezeichnetes Futter für die Kühe. Mir gelang es günstig in Usbekistan Baumwollekörnerschrott zu kaufen. Wagonenweise wurde dem Kolchos der Schrott nach Station Taintscha geliefert und Milchproduktion stieg und stieg. Durchschnittlich brachte jede Kuh 3000 l Milch pro Jahr. Beim Melker Otto Hehn gaben sie sogar 5000 l. In meinem Büro befand sich ständig die Siegerfahne. In der Milchproduktion waren wir die beste nicht nur im Kreis, sonder im gesamten Koktschetaw Gebiet. Der Kolchos "Landmann" wurde auf die Ehrentafel der Volksmesse der Sowjetunion in Moskau eingetragen. Für diese Errungenschaften wurde ich sowie mein Freund Rakowski, der Kolchos-Vorsitzender im Nachbarndorf, für eine Woche zur Volksmesse nach Moskau im Jahre 1960 delegiert. Es war meine erste Fahrt in die russische Hauptstadt. Nach dem kleinen Dorf im tiefen Sibirien war Moskau überwältigend. Meinen 14-jährigen Sohn Viktor nahm ich in diese Reise mit (Abb.).

 

Zu meiner Vorsitzenderzeit stieg die Zahl der Rinder auf 1500, davon ca. 500 Melkkühe, Schafen – 3000, Schweine – 500, Hühner und Ente  - bis 3000. Wir züchteten sogar Fische. 1959 baute der Kolchos ein Deich über ein trockenes Flussbett und es füllte sich mit Schnee- und Regenwasser einen 2-3 km langen Teich in dem die Karauschen sich prächtig vermehrten. Auf dem Territorium des Kolchoses gab es zwei Seen. Den Nahliegenden habe ich oben erwähnt, der größere Salzsee entfernt ca. 4 km wurde zum Baden genutzt. Mit ihm ist eine tragische Geschichte verbunden. Im Juni 1955 am Wochenende kam ich zu Besuch aus Petropawlowsk nach Hause. Um Mittagszeit liefen Jünglinge (Ewald Sartison, Alexander Beck, Wilhelm Barwich) herbei und schriehen das Alexander Grabowski (mein Cousin) ertrunken ist. Ich nahm das Auto des Kolchoses, fuhr runter zum See, entkleidete mich noch während der Fahrt, und sprang ins Wasser direkt vom Auto. Unten im Wasser sah ich den schräg schwebenden Körper, zog ihn zum Ufer, versuchte hier ihn zu beleben, aber es war zu spät.

 

Im Kolchose hatten wir sogar Bodenschätze – Sand, Kies, Weißerde, Kleblehm (genutzt für Lehmzügel, aus denen die meisten Häuser in Nowodworowka gebaut wurden). Die ersten Einwohner des Dorfes bauten eine Windmühle aus Holz, die nicht nur Nowodworowka, sondern auch die Nachbardörfer mit Mehl versorgte. In meiner Zeit war sie voll funktionsfähig und viel genutzt. In den 90-Jahren wurde der Mehlbedarf durch Ladenverkauf gedeckt und die Miele zerstört und auseinandergeschleppt. 

 

In Nowodworowka entstand auch die Freundschaft mit Albin Lange.  Mit 18 Jahren kam er als Lehrer  für Physik und Mathematik aus dem Nachbarndorf Jasnaja Poljana. Zur Zeit meiner Arbeit als Vorsitzender war er bereits Schuldirektor (mit 26) und Parteileiter im Dorf. Er hatte mehr politische Rechte als ich, aber in der Wirtschaftsarbeit kam er mir nie in die Quere. Diese Freundschaft pflegen wir auch heute. Er wohnt 600 km weit weg in Aachen und dennoch besuchen wir uns gegenseitig (Abb.).

 

In Nowodworowka lebte ich vom Januar 1942  bis Mitte 1963, im Alter von 17 bis 38 Jahren. In Nowodworowka bin ich Erwachsen geworden, gründete meine Familie, erlernte den Beruf und begann mit meiner beruflichen Tätigkeit im Bereich der Landwirtschaft. Dies bestimmte meinen ganzen Werdegang und war entscheidend für das Leben. Auf dem Friedhof von Nowowdworowka sind meine Eltern sowie mein Sohn Johann beerdigt. Die erste Helfte des 20-jährigen Leben in Nowodworowka waren sehr schwer, die zweite hat eher gutes gebracht - Erfolg, gewissen Wohlstand, Zufersicht für die Zukunft. Wenn ich Heute zurückblicke, sind die Studienjahre in Petropawlowsk und besonders die Jahre in Nowodworowka danach eine von besten in meinem Leben.

 

Kalmykien (1963 – 1972)

 

Anfang 1963 habe das erste Mal in meinem Leben einen Antrag auf einen Urlaub gestellt, der auch genehmigt wurde. Im Mai fuhr ich nach Sotschi zum Schwarzen Meer und verbrachte da 4 schöne Wochen. Bereits in Nowodworowka habe ich mir vorgenommen auf dem Rückweg die Heimat zu besuchen. Zu dieser Zeit wohnten hier schon etliche Familien die aus Kasachstan in den letzten 2-3 Jahren nach Kalmykien zurückkehrten. In Kalmykien traf ich nicht nur Verwandte, sondern auch Kameraden meiner Jugend. Einige von denen machten Karriere und hatten in Kalmykien mehr oder weniger gehobene Positionen. Zum Beispiel, im Dorf Winogradnoe, ehemalige Schönterle, arbeiteten als führender Agronom Alexei Rubyschnyi, als führender Buchhalter Josif Sedasch. Die stellten mich dem Vorsitzender des Kolchoses  - Fedor Dedow, vor. Der begrüste mich freundlich, höhrte sich meinen Werdegang und Lebenslauf an und bot mir in seinem Kolchos eine Stelle an. Prinzipiell gab ich mein ja Wort (letztendlich  kam ich um sich nach Arbeit in Kalmykien sich umzuschauen). Da ich noch als Kolchosvorsitzender in Kasachstan amtierte konnte ich diesen Angebot direkt nicht annehmen. Dedow telefonierte mit dem Parteileiter des Kreises, der aber hielt sich zurück. Die politische Situation für meinen Umzug nach Kalmykien war mehr als ungünstig. Es war  die Neu- und Brachländereien in Kassachstan und Sibirien im Gange, eingeleitet vom Parteileiter der KPdSU Chruschtschow. Arbeiter und Spezialisten wurden fast zwangsmäßig nach Kasachstan, Sibirien, Altai geschickt worden.  In der Gegenrichrtung – aus Kasachstan nach westen Russlands umzuziehen war gegen der Parteilinie und damit unmöglich, es grentzte schon am Verbrechen.

 

Dedow war ein „starke Mann", Held der Sozialistischen Arbeit, Vorsitzender des stärksten in Kalmykien Kolchose, und nach dem „nein" des Kreisparteileiters rief er den 1. Sekretär der kalmykishen kommunistischen Partei und Präsident von Kalmykien – Gorodowikow an.  Trotz seiner Position und Macht wollte Gorodowikow sich auch absichern. Und jetzt tat Dedow was ganz ungewöhnliches. Auf eigene Verantwortung, ohne zusage der Partei stellte er mich als führender Ökonomist in seinem Kolchose ein. Und ich nahm die Stelle an! Es war für mich ein unglaubliches Risiko. Sollte was schief gehen wäre mein Leben ruiniert. Wer nicht in der Parteirichtung geht wird bestraft. Die Höhe der Strafe konnte ich nur ahnen.

 

Nach einer Woche sagte Dedow, das ich soll zum treffen mit Gorodowikow bereit sein. Der kam mit dem Flugzeug mit senen Leibwächter nach Winigradnoe. Er redete sanft und freundlich. Nach einigen Minuten entspannte ich michund führte ein ruhiges und gemütliches Gespräch. Offensichtlich machte ich auf Gorodowikow einen guten Eindruck. Der riet mir hier weiter zu arbeiten und versprach mir zu helfen. Dabei teilte er mir mit, dass er über mich und meiner Angelegenheit mit dem Marschall Budönyi sprechen wird. Budönyi war Mittglied der Regierung der UdSSR, großer Held des Bürgerkrieges 1018-1922, Abgeordnete Oberste Sowjet der UdSSR. Dazu war er befreundet mit dem Oka Gorodowikow (mit dem er im Bürgerkrieg seine Siegeszüge führte), Vater vom damaligem Präsident von Kalmykien.

 

Meine Mutter hat mir erzählt (als ich 12-14 Jahre alt war), dass der Budönyi im Herbst 1918 mit seinem Division die „Weißen" aus dem Dorf Kronental vertrieb und feierte sein Sieg. Dabei kam ihm zu Ohren, dass der Jakob Schwarz Winzer ist und guten Wein in seinem Weinkeller hat. Mein Vater wurde von einem Offizier und Soldat  zum Budönyi gebracht. Der sprach sehr freundlich und bat um Wein. Mein Vater füllte ein kleines Fass von 50 l mit Muskatwein und übergab es Budönyi. Eigentlich erzählte meine Mutter über ihre große Angst um den Vater, als der von bewaffneten Soldaten fortgeführt wurde. Sie hat sogar eilig eine Tasche mit Lebensmittel und Wäsche gesammelt und ihm mitgegeben, falls er ins Gefängnis käme. Sie Verabschiedeten sich so, als ob es für immer war (was auch nicht auszuschließen in der damaligen Zeit war). Mein Vater hat über diese Vorkommnis nie gesprochen.

 

Wie das Gespräch zwischen Gorodowikow und Budönyi über mich lief weis ich nicht. Offensichtlich positiv, da in einem halben Jahr, anfang 1964 wurde ich befördert zum Vorsitzender des Kolchose „Karl Marx" im Dorf Esto-Altai, 12 km von Kronental entfernt. Im Herbst 1964 fand die Wahl in den Oberste Sowjet der UdSSR statt. Als Kandidierender kam Budönyi nach Kalmykien und in der Hauptstadt Elista gab es ein großes Treffen der Führung Kalmykien mit Budönyi. Im engeren Kreis wurde ein Abendessen gemacht und dabei kam ich zum persönlichen Gespräch mit Budönyi. Der erinnerte sich an den Wein und an meinen Vater und sagte mir dass ich ohne Angst arbeiten und wohnen in meiner Heimat darf. Zu dieser Zeit war Breschnew Parteileiter der

kommunistischen Partei Kasachstan. Mit ihm wurde abgesprochen das ich nach Kasachstan zur Rüge zurück muss, aber mit mir werden sie da mild umgehen. So geschah es auch. Im Parteikomitee Koktschetaw wurde mir die Moral für meines verräterisches Verhalten und selbstwilliges Verlassen der Arbeitsstelle vorgepredigt, aber anbetracht meinen Verdiensten und das ich den Kolchos „Landmann" weit nach vorn brachte beschränkten sie sich auf strengen Verweis mit Verwarnung. Nach dem die Sache in den höchsten Instanzen beschlossen wurde, konnten sie ja auch nicht anders.

 

Als Vorsitzender des Kolchoses „Karl Marx" arbeitete ich nur 2 Jahren. Ich habe versucht mein bestes zu tun. Mir gelang es viele neue Mitglieder zu gewinnen. Ins Dorf kamen mehr als 50 neue Familien. Es waren überwiegend Deutsche, Rückkehrer aus Sibirien und Kasachstan. Dorf Esto-Altai war in Mehrzahl von Russen bewohnt. Und denen waren es von Anfang an zu wider, dass ihnen einen Deutsche das Sagen hat. Es verging kaum eine Woche, dass eine Beschwerde, meistens Namenlose, über mich in irgendwelcher Instanz nicht ankam. Nach dem ich viele Deutsche in den Kolchos aufnahm wurde ich auch an Nationalismus beschuldigt. Dies wurde mir zu viel und ich bat die Kreis- und Republikregierung mich von meinem Amt zu befreien. Dieser Bitte wurde auch nachgekommen.

 

1966 nahm ich die Stelle führender Ökonom, Leiter der Planungsabteilung der Wirtschaftsverwaltung des Jaschaltakreises an. Meine Familie zog nach Jaschalta, großes Dorf, Zentrum des Kreises, 7 km von Kronental, meiner Heimat, entfernt. Die Kreisverwaltung stellte mir ein neues Haus zu Verfügung, direkt am Wasserkanal, so das man den Garten (in dem ich Gemüse, Obstbäume, Weintrauben, Himbeere anpflanzte) bewässern konnte. In der Planungsabteilung hatte ich zwei Mitarbeiter (eine von denen war die Ehefrau vom Ratvorsitzenden des Kreises). Wir legten fest welcher Kolchos oder Sowchos wie viel Getreide, Milch, Fleisch, Wolle, Eier u.s.w. produzieren und dem Staat zustellen sollte. Nach kurzer Zeit wurde mir klar dass die Prinzipien der Planung falsch sind. Der Kreis bekam die Aufgaben so und so viel Produzieren und verteilte diese Aufgabe zwischen Kolchosen und Sowchosen. Die jenige die besser arbeiteten und mehr produzierten haten auch größere Aufgabe, größeren Plan. Der Fleißige, der Erliche war der Dumme – er sollte immer mehr arbeiten.

 

Meiner Meinung nach sollten die Aufgaben von der Fruchtbarkeit und Fläche des Landes, der vorhandenen Kapazitäten abhängen. Ich stellte die Thesen neuer Planung zusammen und ging mit Ihnen in die Kreisverwaltung, Kreisrat und Parteikomitee, sowie das Ministerium der Landwirtschaft Kalmykien. Eine große Hilfe war der Umstand, das genau dies das Thema meiner Diplomarbeit in der Universität Omsk war.

Ich bekam Zustimmung in allen Instanzen, suchte ein spezielles Labor in Rostow/Don auf und beauftragte es die Felder unseres Kreises zu untersuchen und die Ertragsfähigkeit einzuschätzen. Diese große Arbeit wurde innerhalb eines Jahres erledigt. Aufgrund der gewonnenen Daten berechnete ich die zu erwartende Erträge der Felder und entsprechend die mögliche Aufgaben (Plan) für die Kolchose und Sowchose.

 

Die leitende Mitarbeiter und Spezialisten des Kreises wurden versammelt und ich halte 2-stündigen Vortrag. Es wurde viel diskutiert. Wie bei jedem Neuen gab es Gegner. Zur Korrektur und Nachdenken wurde einen Monat Frist gegeben und letztendlich meinen Vorschlag bestätigt und angenommen. In einem halben Jahr hat das Ministerium der Landwirtschaft und Regierung Kalmykien die Prinzipien meinen Berechnungen auf die ganze Republik ausgebreitet. Darauf wurde ich 1969 führender Landwirtschaftsingenieur und Stellvertreter des Vorsitzenden der Kreiswirtschaftsverwaltung und arbeitete in dieser Position bis 1972.

 

In Kalmykien lebte ich 1963 – 1972, 9 Jahren. Es ist meine Heimhat. Im Sommer sehr heiß, mit Wind und Staub, im Winter viel Regen und unendlicher Matsch. Die meisten Wegen waren ohne Asphalt und durch den wochenlange Regen ist der Lehm so aufgeweicht, dass nicht nur Auto, sogar Traktoren konnten nicht in dem tiefen in klebrigen Matsch weiterkommen. In Kalmykien lebten rund um uns die meisten von nächsten Verwandten – meine Schwester Fronika mit ihrer 10 Kinder, mein Bruder Wilhelm Sartison, Geschwistern meiner Frau – Elsa, Viktor und Alexander mit Familien, die Nichte – Irma Hahn (Olga, ihre Mutter ist in Kasachstan verstorben), meine Tante – Katharina Grabowski und ihre Kinder und Enkeln. In der Verwandschaft waren wir ziemlich nah zueinander, besuchten sich gegenseitig sehr oft. Dennoch im tiefen Inneren verspürte ich eine gewisse Unzufriedenheit. Karrieremäßig habe ich hier alles erreicht – ein Weiterkommen war nicht drin, andererseits mit Mitte 40 fühlte ich mich noch jung genug, um einiges im Leben zu schaffen, zu erreichen. Kurz – ich war reif für einen neuen Schritt im Leben, um es zu verändern.

 

Zu dieser Zeit, 1970 hat mein Sohn Viktor das Studium absolviert und ihm  wurde als Arbeitsort Stadt Essentuki zugewiesen. Essentuki mit Nachbarnstädten Kislowodsk, Pjatigorsk, Shelesnowodsk gehört zu berümten Kurorten Russlands und die Gegend um diese Städte ist die schönste und reichste im Lande. Der Schwiegervater meines Sohnes – Sachar Shidkow – war Parteileiter in Kislowodsk und einer von Führern in Stawropol Gebiet. Der schlug mir umzuziehen vor. Diese Idee gefiel mir. Ich bat um Entlassung und bekam eine Absage. Darauf hat Shidkow während einen von Seminaren für Parteiführer den Parteileiter des Jaschaltakreises angesprochen und ihn gebeten mich freizugeben. Der konnte so einer einflussreichen Person nein nicht sagen und ich wurde frei und bin Herbst 1972 nach Suworowskaja umgezogen.

 

Kaukasus (1972 -1991)

 

Suworowskaja, ein sehr großes Dorf („Staniza") mit 15000 Einwohner liegt im Süden Russlands, im Stawropol Gebiet, in der Nähe von den Städten der kaukasischen Mineral´nye Vody (KMW). Die Bezeichnung KMW kommt von mehr als 200 Quellen von Heilwässer, die zur Kurtherapie genutzt werden und die den Grund für die Kurorte – Kislowodsk, Essentuki, Pjatigorsk, Shelesnowodsk – darstellen. Diese Gegend bildet die Vorgebirge zum Kaukasus. Von Suworowskaja direkt zum höchsten Gipfel – Berg Elbrus (5642 m über dem Meeresspiegel) sind es nur 80 km. Das Klima ist mild, der Winter nicht kalt, mit Schnee der bis 1-2 Monate liegt, aber öfters auch mit Regen, der Sommer warm (ohne der kalmykien Hitze). Der Boden ist wie speziell für die Landwirtschaft geschaffen – fruchtbare Schwarzerde.

 

Suworowskaja wurde von Kosaken gegründet, die auch in Mehrzahl hier leben. Zu meiner Zeit lebten im Dorf auch viel Griechen. Sie kamen hierher über Georgien aus der Türkei. Ende 18. – Anfang 19. Jahrhundert wurden die Griechen aus der Türkei vertrieben. Die Meisten sind nach Griechenland gegangen, viele nach Georgien. Dort wurden sie nicht so freundlich aufgenommen und siedelten nach Nordkaukasus um. In Suworowskaja gab es zwei Kolchosen. Im Kolchos „Woroschilow" bekam ich die Stelle als führender Landingenieur. Der Kolchos hatte mehr als 7000 ha Ackerland und gehörte zu den reichsten im Stawropol Gebiet. Überwiegend produzierte er Getreide, Mais, Sonnenblumen, aber auch Obst, Gemüse und Weintrauben.

 

Meine ganze Kraft setzte ich wieder in die neue Arbeit und hatte sehr gute Ergebnisse. Die Getreideerträge stiegen in 2-3 Jahren sichtlich. Durchschnittlich bekamen wir 44 Doppelzentner pro Hektar, einige Felder brachten bis 55. In den Medien wurde der Kolchos hochgejubelt. 1975 besuchte uns Michail Gorbatschow, damals Parteileiter von Stawropol-Gebiet. Im persönlichen Gespräch fragte er mich – wie ich es geschafft habe, den Ertrag so zu steigern und die Nachbarkolchosen zu überbieten. „Ganz einfach", - antwortete ich – „die richtige Agrotechnik anwenden, zur richtiger Zeit die notwendigen landwirtschaftlichen Arbeiten mit hoher Qualität durchführen". Auf das Letzte habe ich wirklich sehr geachtet und täglich überprüft, ob die Arbeit auf den Feldern auch nach meinen Vorgaben durchgeführt wurde. Ferner besprach ich mit Gorbatschow die Notwendigkeit von mineralischen Düngemitteln für eine gute Ernte. Die organischen Düngemittel sind gut. Aber für große Flächen, wie in unserem Kolchos reichen sie nie aus. Ich legte ihm meine Berechnungen vor, wie viel und  was für mineralische Düngemittel ich bräuchte, um die Erträge zu steigern. Darauf schrieb Gorbatschow dem Direktor vom chemischen Werk Nevinnomyssk, einer von den Größten in der Sowjetunion, er soll  bitte dem Kolchos „Woroschilow" zusätzliche Düngemittel zustellen. Seit dieser Zeit bekam ich sie in ausreichenden Mengen.

 

Die Arbeit als führender Landingenieur in einem so großen Kolchos wie „Woroschilow" war einerseits verantwortungsvoll, nahm viel Zeit in Anspruch, aber andererseits gab sie durch die Selbstständigkeit das Gefühl der wirtschaftlichen Freiheit. Ich erhielt volle Genugtuung von meiner beruflichen Tätigkeit. Sie brachte auch den Wohlstand mit sich wie nie in meinem Leben davor und danach. Kurz – ich war glücklich, es waren meine besten Jahren.  Für meine Errungenschaften wurde ich ausgezeichnet, bekam sogar eine Medaille. Aber große Orden für meine Arbeit bekamen andere. Ich wurde immer übergangen. Klipp und klar wurde mir erklärt, dass ein Deutscher mit dem Namen „Schwarz" nicht und nie gerecht belohnt werden darf. Es kam auch zu Spannungen. Bei weitem nicht alle gönnten mir den Erfolg. 1981 kündigte ich. 2 Jahre arbeitete ich als Vorsitzender einer Kreisversicherungsgesellschaft. Es näherte sich die Rentenzeit und der 60. Geburtstag. Um meinen Rentenanspruch nicht zu verlieren, bin ich 1984 in den Kolchos zurückgegangen, jetzt als Agronom einer Brigade.

 

In Suworowskaja habe ich 1974 mein letztes Haus gebaut, in dem ich bis 1991 lebte. Im Hofgarten pflanzte ich viele Obstbäume und Weinreben. Da die Ernte gut war, habe ich mich an meine jungen Jahre beim Vater erinnert  und Winzer gespielt. Ich machte bis 200-250 l Wein jährlich, den ich im Keller in Glasflaschen von 10-20 l bewahrte. 1-2 Flaschen bekamen Viktor, der in Kislowodsk, später in Essentuki wohnte, und Waldemar, der in der Stadt Lermontow (25 km von Suworowskaja entfernt)  wohnte. Den meisten Wein verbrauchte der jüngste Sohn Alexander, der bei mir  wohnte.

 

In den 80-er Jahren ging es in der UdSSR wirtschaftlich immer mehr bergab. Um  einen Nebenverdienst zu haben, bauten wir zu Hause im Stall eine Nutriafarm auf. Wir hielten bis 100 Nutria (Bieberratten). Das Füttern und Pflegen übernahm Erna, ich kümmerte mich um das Futter und das Schlachten. Das Fell (das Wertvollste) haben wir auf dem Markt verkauft, das Fleisch wurde zum Eigenbedarf genutzt. Bis jetzt erinnern sich alle in unserer Familie an die Wurst aus dem Nutriafleisch. Bessere Wurst hat niemand von uns irgendwo und irgendwann gekostet.

 

Im Kaukasus lebten wir 19 ruhige und  schöne Jahre, ohne abenteuerliche Zwischenfälle. Die wunderschöne Gegend bescherte ausgezeichnete Freizeit. Das Dorf durchquerte der Fluss Kuma, näher zu den kaukasischen Gebirgen ist das Ufer malerisch, mit Felsen, Wäldchen. Hier sammelten wir Pflaumen, Hagebutten und viele Heilkräuter. Im Sommer, besonders wenn jemand zu Besuch kam (und Besuch hatten wir fast ständig), haben wir hier öfters gegrillt. Die 4  großen Kurortstädte mit prächtigen Parks, Einkaufszentren, Sehenswürdigkeiten, Kureinrichtungen baten auch vieles. Gleichzeitig waren in diesen Kurorten in den Sommermonaten um 150 000 Patienten. Sogar in Suworowskaja hatten wir eine Thermalquelle (+60°C, Radon- und schwefelhaltiges Wasser), die im Dorfbadehaus genutzt wurde. Es gab keine medizinische Betreuung, aber diese Quelle war weit bekannt, so dass viele mit Krücken aus 1000 km Entfernung nach Suworowskaja kamen, nahmen 3-4 Wochen täglich Bäder und fuhren ohne Krücken nach Hause. Zur Kur nach Kislowodsk kam aus Kasachstan einige Mal auch mein Freund Iwan Rakowski.

 

Deutschland

 

1987, nach mehreren Jahren Verhandlungen zwischen Deutschland und UdSSR, wurde ein Abkommen über die Übersiedlung der Russlanddeutschen zu Verwandten in die Bundesrepublik getroffen. Die russischen Behörden bauten viele Hindernisse auf, um die Auswanderung zu verhindern. Trotzdem stellten Tausende den Antrag und reisten aus. Für die Meisten war es keine leichte Entscheidung. In unserer Familie haben wir viel diskutiert, pro und kontra abgewogen, Informationen gesammelt. Aus unserer Verwandtschaft ist als Erster  mein Neffe Robert Schwarz mit der Familie nach Deutschland gegangen.

Die treibende und führende Kraft war seine Frau Margarete. 1987 kamen sie zu Besuch nach Kasachstan. Ich wollte mit ihnen sprechen und mit Viktor fuhren wir vom Kaukasus 3000 km nach Kasachstan. Wir kamen leider zu spät – Robert und Margarete waren einige Tagen vor unserer Ankunft zurückgefahren. Es war trotzdem nicht vergebens, dass letzte Mal Nowodworowka zu sehen, alte Bekannte einschließlich Iwan Rakowski zu treffen. Ich nutzte die Gelegenheit und brachte das Grab meiner Eltern in Ordnung.

 

1988 organisierte Viktor eine Dienstreise in die DDR. Eigentlich sollte er nach Dresden zum wissenschaftlichen Kongress. Anstatt dessen verbrachte er eine Woche in Berlin, setzte sich mit Robert in Verbindung und er kam mit seiner Frau und seinem Sohn nach Berlin. Viktor gab  Margarete alle Unterlagen, um einen Antrag zur Ausreise zu stellen. 1989 waren mein Sohn Waldemar und seine Frau für 2 Wochen bei Robert in Salzgitter  zu Besuch, 1990 – Viktor und Tatjana. Alle technischen Fragen wurden geklärt, wir haben uns endgültig entschieden nach Deutschland auszureisen. 1991 war das Jahr unserer Aussiedlung. Waldemar mit Familie kam  schon im März in die BRD. Der Zufall führte sie nach Bayern, nach Ebersdorf bei Coburg. Im Mai kamen wir (Erna, Alexander und ich)  und im November Viktor und Tatjana.

 

Meine Frau, ich und Alexander fuhren mit dem Zug nach Moskau, hier wohnten wir 3 Tage bei meiner Nichte Erna (Tochter von Fronika). In der Botschaft der BRD bekamen wir die notwendigen Unterlagen, wechselten Geld (170 DM pro Person, mit dem Kurs: 17 Rubel für 1 DM) und am 29.05.91 überschritten wir im Flughafen „Scheremetjewo"  die Staatsgrenze, waren in der Luft mit einer „TU-154B" 2 Stunden und um 14 Uhr landeten wir in Hannover. Mit einem Bus über Hamburg und Kiel kamen wir nach Schönberg zur Erstregistration. Wir wohnten eine Woche lang in einem großen Hotel (18-stöckiges Gebäude für 2000 Gäste) direkt an der Ostsee, danach kamen wir mit dem Zug nach Ebersdorf und wurden in dem selben Übergangswohnheim wie auch Waldemar untergebracht. Zu dritt wohnten wir in einem Zimmer  14 Monate. Ende 1992 mieteten Erna und ich eine Seniorenwohnung in Redwitz an der Rodach. Zu dieser Zeit machte Alexander die Ausbildung zum Schreiner und wohnte in Coburg.

 

In Redwitz ging ich fleißig meinem Hobby nach und bastelte alles Mögliche. Ich habe mich auf Windmühlen spezialisiert. Alle 2-3 Monate kam aus meiner kleinen Werkstatt eine Windmühle heraus, die ich Bekannten und Verwandten verschenkte. Fast jeden Tag machte ich längere Spaziergänge und erforschte die Umgebung. Im Dorf Marktgraiz stieß ich im Wald an einem  Bach auf eine Schneidmühle mit einem großen, 5 m Durch-messer, Wasserrad. Dieses Tag und Nacht drehende Rad ist das Herz des Sägewerkes, dass ziemlich viel leistete. Meine Bewun-derung merkte der Chef, der als ich mal da stand, auf mich zukam. Wir kamen ins Gespräch und ich schlug ihm vor, ein funktionierendes Modell der Schneidmühle zu bauen. Er fragte mich ausführlich aus und willigte ein. Nach einigen Tagen brachte er mich ins Museum mit vielen Modellen. Auf dem Heimweg sagte ich, dass ich ein besseres Modell baue, mit Sägegatter, Menschenfiguren mit Quersäge, Kreissäge, Holzspalter, dazu ein Turner und dies alles wird sich bewegen und arbeiten, wie auf einer echten Sägemühle. Der Chef stellte mir  eine bestens ausgerüstete Werkstatt auf seiner Schneidmühle zur Verfügung, wo ich einen Sommer mit meinem Modell verbrachte. Das fertige Modell befestigte ich an der Wand der Schneidemühle. Da sie direkt am Wanderweg steht, kann jeder Passant es sehen. Das Modell gefiel auch einem  Journalisten der „Neuen Presse", der es fotografierte und am 10. August 1996 in die Zeitung (Nr. 184) stellte (Abb). Im nächsten Jahr präsentierte Hr. Parteymüller, Chef der Schneidmühle, mein Modell auf der Ausstellung in Lichtenfels. Ich bekam eine Ehrenbegrüßung und 1000 DM.

 

 

Hier in Deutschland haben wir  so viel freie Zeit wie nie zuvor. Die nutzen wir, um bei Gelegenheit die Verwandtschaft zu besuchen. Besonders oft führt uns der Weg nach Gifhorn, wo sehr viele Aussiedler aus Kalmykien wohnen, einschließlich meiner Schwester Fronika, nach Salzgitter, wo die Kinder meines Bruders Kars wohnen. Mich hat immer das Schicksal meines Großvaters und zweier Onkels interessiert, die nach Kanada auswanderten.  Ich bekam endlich die Möglichkeit nachzuforschen und bekam die Adressen und Telefonnummern der Kanadaverwandtschaft. Ich schrieb, telefonierte, das Interesse wurde erwidert und 1998 kamen Gladys Radke, geborene Schwarz, und ihr Ehemann Arthur  nach Deutschland. Gladys ist die Tochter von meinem verstorbenen Cousin Jakob. Am nächsten Jahr kam Willhelm Schwarz, Sohn vom anderen Cousin, nach Deutschland. Seit dieser Zeit träumte ich um eine Reise nach Kanada.

 

Am 11. Juli 2001 flogen Viktor und ich aus Frankfurt nach Calgary, Hauptstadt von der Provinz Alberta. 8 Stunden Non Stopp in der Luft. Im Flughafen trafen uns Gladys und Arthur, die in Calgary wohnen. Wir verbrachten 2 interessante, inhaltsvolle Wochen. Diese verdanken wir Gladys. Die scheute keine Mühe und hat unseren Aufenthalt prächtig organisiert. Zunächst fuhren wir nach Osten, nach Saskatchewan. Hier her kamen ursprünglich mein Großvater Christian Schwarz mit zwei Söhnen Heinrich und Alexander. Hier bekamen sie Land, hier bauten sie ihre  Farm auf, eine Kirche,  gründeten eine Gemeinde „Freie Kirche“.  In der Stadt Swift Current wohnen viele Verwandte einschließlich drei von fünf noch lebende Cousinen – Sarha, Emma, Luise sowie der Neffe George Schwarz und seine Frau Emilie. Die Farm meines Großvaters gehört jetzt Alfred Schwarz (Bruder von Gladys) und seiner Frau Laura (Abb.). Hier in der Nähe steht auch die verlassene hölzerne Kirche, gebaut vom Großvater. Die Gemeinde lebt weiter und hat eine neue, größere und viel schönere Kirche in Swift Current. In dieser neuen Kirche hatte ich die Möglichkeit die Gemeinde begrüßen zu dürfen. Es war ein sehr aufregender und besonderer Moment für mich. Wir besuchten auch die alte Kirche – die hat 160 Sitzplätze, ein Podium für Chor und  kleinen Orchester. Im Kirchenbuch hinterließ ich meine Botschaft. Dies, sowie mein kurzes Auftreten vor der Gemeinde, die von meinem Großvater gegründet wurde, waren sicherlich die Höhepunkte der Reise nach Kanada. Nicht weit von der alten Kirche ist auch das Grab meinen Großeltern (Abb.). In Swift Current fand ein Großes Treffen mit der Verwandtschaft in Form eines Picknicks im Park statt. Zu diesem Treffen kamen mehr als 100 Menschen.

 

Von Saskatchewan ging es zurück nach Alberta, nach Calgary. Nach 2 Tagen Erholung  fuhren uns Arthur und Gladys mit ihrem Auto nach Westen – nach British Columbia. Über malerische Gebirge „Rocky Mountains“ kamen wir nach Vernon zu Doris (Schwester von Gladys) und Ernie. Hier gab es das zweite große Treffen. In diesem Teil Kanada wohnen auch viele Nachkommen meines Großvaters. Willhelm Schwarz interessiert sich sehr für die Familiengeschichte und konnte feststellen, das es in Kanada zur Zeit ca. 2000 direkte Nachkommen von meinem Großvater gibt. Davon haben wir um 400 getroffen. Mindestens 20 Mal sollte ich die Geschichte unserer Familie, unserer Vorfahren wiederholen, von den Zeiten in Belowesch, in Kronental. Die Verwandten in Kanada hatten von dem Leben ihrer Vorfahren in Russland überhaupt keine Informationen. Im Grunde genommen  war ich der Erste, der ihnen über ihre Familie etwas erzählte. Besonders die ältere Generation interessierte sich sehr.

 

Im Sommer 2002 in Werlte fand das Treffen der Aussiedler aus Nowodworowka statt. Ich nahm die Einladung sehr gerne an und schrieb ein Gedicht gewidmet dem Dorf Nowodworowka und vor allem seine ehemaligen Einwohner (Siehe Anlage), das ich bei der Eröffnung der Zusammenkunft vorgelesen habe. Es kamen mehr als 500 Menschen. Hier traf ich viele Bekannte aus meiner Jugend.

 

Im 80. Lebensjahr sieht vieles anders aus, als noch vor 2-3 Jahrzehnten. Ich habe mich mit dem Gesundheitswesen bekannt gemacht. Hatte 1996 einen Herzinfarkt, bekam danach eine Herzoperation, war zur Rehabilitation in der Klinik Bad Colberg, wo mein Sohn arbeitet. Von Jahr zu Jahr steigt die Zahl der Tabletten, die ich täglich einnehme und dennoch freue ich mich auf jeden Tag meines Lebens. Die Ruhe und Freude habe ich im Gott gefunden. In Gottes Händen liegt alles Kommende, so mache ich mir keine Gedanken um die Zukunft, schmiede keine Zukunftspläne und wünsche meinen Nächsten Glück und Frieden in ihrem Leben.

 

 

Anhang

 

1.   Meine Familie

2.   Familienstammbuch

3.   Gedicht zum Treffen in Werlte

4. Herkunft, Wanderweg und Ansiedlungsgebiet Belowesch und die

   Tochterkolonie – Kronental (Nach Dr. K. Stumpp)

5.Wichtige Etappen in der Geschichte  der Russlanddeutschen

 

  1. Meine Familie

 

Erna, meine Ehefrau, geboren am 27. Juli 1927 in Nowodworowka.

Vater – Johann Beck, Mutter – Paulina, geb. Schlecht. Hat zwei Schwestern – Olga und Elsa, drei Brüder – Viktor, Alexander und Andreas. Lernte in der Schule nur 4 Jahren und nur deutsch. 1938 wurde der Vater verhaftet und erschossen. In diesem Jahr wurde auch die Deutschule geschlossen. In der russischen Schule lernte sie nie. Das Lesen und Schreiben hat sie sich selbst beigebracht und beherrschte es perfekt, so dass sie ohne spezielle Ausbildung ausschließlich als Berechner, überwiegend als Verkäuferin, und in Suworowskaja über 10 Jahre bis zur Rente als Sekretärin in einer Gasgesellschaft gearbeitet hat.

Wir sind verheiratet seit 1946. Sie gebar mir 4 Söhne – Viktor (1946), Johann (1948, nach der Geburt verstorben), Waldemar (1960) und Alexander (1965).

 

Viktor. Geboren am 01.02.1946 in Nowodworowka. Realschule (11 Klassen) 1953 - 1964 (6 Klassen in Nowodworowka, 7. bis 11. Klasse in Jasnaja Poljana), Medizinische Hochschule Stawropol (1964 - 1970).

Nach dem Studium Ausbildung zum Internisten in Stawropol (klinische Ordinatur). 1972 bis 1988 gearbeitet im wissentschaftlichen Institut Pjatigorsk  Balneologie und Kurortologie - 1 Jahr als wissenschaftlichen Mitarbeiter, danach als Assistent, seit 1982 als Dozent des Lehrstuhls für Weiterbildung  der Ärzten.  Er promovierte  1977,  habilitierte 1987. Seit 1988 Lehrstuhlinhaber in  der medizinischen Hochschule Stawropol, in diesem Jahr auch zum Professor ernannt. In Deutschland seit 16.11.1991. Vom 1. April 1992 tätig als Arzt, zunächst im Klinikum Coburg, 9 Monate (1993 - 1994) in Bad Wildungen im Institut für Rehabilitation, danach wieder Klinikum Coburg. Seit 01.07.1997 Oberarzt in  der Rehaklinikum Bad Colberg. Hat ein Sohn - Jürgen, geboren am 29.07.1973.

 

Jürgen (Jury) ist in Essentuki geboren, wohnte in Kislowodsk, wo er auch die Realschule 10 Jahre besuchte. Danach studierte er 2 Jahren in Pawlodar in der medizinischen Hochschule. Dies geschah auf das Drängeln der Mutter, Mediziner wollte er nie werden und entsprechend  hat auch nicht gelernt. Er hat sich gefunden im Beruf Informatiker, den er gelernt hat und leidenschaftlich  ausübte.

1997 heiratete er Olga Sawitsch. Sie haben zwei Töchter – Tatjana

(26.05.1997) und Margarete (29.09.1999). 13. Oktober 2002 sind sie nach Deutschland gekommen. Als Jürgen 16 Jahre alt wurde nahm er den Namen seiner Mutter – Shidkow. In Deutschland wurde dieser Name zum Zithof geändert.

 

Waldemar. Geboren am 20.10.1960 in Nowodworowka.  Er lernte in der Realschule 1967 -1977.

1 Jahr (1977 - 1988) Lehre zum Schlosser für Kontrol- und Meßapparate und Automatik in einer Berufsschule in Tscherkessk. Danach 2 Jahren Wehrdienst in Sibirien, in Chabarowsk.  Hier war er als Kfz-Elektriker eingesetzt und beim schweren Heben beschädigte er seine Wirbelsäule und ist seit dieser Zeit nicht voll belastbar. Nach dem Wehrdienst studierte er kurz in Rostow/Don im Eisenbahn-Institut. In Russland hat er in der Stadt Lermontow (nicht weit von Pjatigorsk)  10 Jahre gelebt und  in der Firma Mikroohm als Regulierer elektromechanischen und radiotechnischen Geräten und Systemen gearbeitet (1981-1991). Dies war nicht nur sein Beruf, sondern auch sein Hobby. Er hatte  das große Glück beruflich sich mit seinem Hobby zu beschäftigen. 1991 kam er mit der Ehefrau Natalja und Sohn Alexander nach Deutschland. Nach den Sprachkursen arbeitete er in der Firma Brose in Coburg, später in der Firma Toledo in Niederfüllbach. Seit 2003 macht er eine Ausbildung zum Mechatroniker.

 

 

 

Alexander. Sohn von Waldemar ist am 25 Juli 1982 in Suworowskaja geboren. Hier lernte er auch zwei Jahren in der Schule. Als er mit den Eltern nach Deutschland kam sollte er mit der Schule neu starten.

 

 

 

 

2. Familienstammbuch

 

A. 6 Generationen meiner Familie, die mir bekannt sind

 

I   Christian Schwarz (1852) + Scharlotta Hofmann

 

II  Jakob Schwarz (1873) + Scharlotta Luft

                                          + Philipina Dell (1884)

 

III Jakob Schwarz (1924) + Erna Beck (1927)

 

IV  Viktor (1946), Waldemar (1960), Alexander (1965)

 

Jürgen (1973), Alexander (1982)

 

VI Tatjana (1997), Margarete (1999)

 

B.  2. Generation – Kinder vom Christian und Scharlotta Schwarz

 

II.1. Jakob (1873)

II.2. Philipina (1875)

II.3. Heinrich (1877)

II.4. Alexander (1879)

II.5. Katharina (1881)

 

C.  3. Generation.

 

1.   Kinder vom Jakob (1873) + Scharlotta Luft (1. Ehe)

 

III.1.1. Maria (1896)

III.1.2. Johann (1898)

III.1.3. Lydia (1900)

III.1.4. Gottlieb (1901)

III.1.5. Karl (1903)

III.1.6. Emilia (1908)

III.1.7. Otilia (1910)

 

                                                      + Philipina Dell (2. Ehe)

 

III.1.8. Karlina (1918)

III.1.9. Jakob (1924)

III.1.10. Fronika (Veronika, 1928)

III.1.11. Emanuel (verstorben in Kindheit)

 

2.   Kinder von Philipina (1875) + Oldenburger Philip (1870)

III.2.1. Maria (1898) + Konrad Braun (1896)

III.2.2. Christina (1904) + Baumbach Gottlieb (1900)

III.2.3. Philip (1908) + Maria Pries (1903) +Katharina Oldenburg.

III.2.4. Emilia (1910) + Samuel Kronhardt (1910)

III.2.5. Samuel (1912)+ Natalie Sartison (1915)

III.2.6. Ottilia (1914) + Ewald Ittermann (        )

                                                                         

3.   Kinder  von Heinrich (1877) + Scharlotta Hofmann

 

III.3.1. Heinrich (1901)

III.3.2. Johann / John (1904)

III.3.3. Alexander (1906)

III.3.4. Amalia (1907)

III.3.5. Jakob (1909)

III.3.6. Mina

 

4.   Kinder vom Alexander (1879) + Caline

 

III.4.1. Christian

III.4.2. Alexander

III.4.3. Sarah

III.4.4. Florence

III.4.5. Jakob

III.4.6. Emma

III.4.7. Daniel

III.4.8. Loisa

III.4.9. Alma

III.4.10. Paul

III.4.11. Dave

 

5.   Kinder von Katarina (1881) + Buchmüller Christian (1882)

 

III.5.1. Willhelm (1909) + Melitta Bauer (1908)

III.5.2. Georg (1911) + Elena (1911).                   

 

D.  4. Generation

 

Kinder von Maria (1896) + Hofmann Friedrich, II Ehe, Schönberg Heinrich.

 

IV.1.1.1. Frieda (1915), Hofmann

IV.1.1.2. Fina  (1918)        Hofmann

IV.1.1.3. Hetwig (1924) Schönberg

IV.1.1.4. Wera Schönberg               

IV.1.1.5. Maria Schönberg             

IV.1.1.6. Ewald Schönberg           

 

Kinder vom Johann (1898) + Maria Dell, II Ehe, Katarina Dell.

Bemerkung. Maria Dell war die Schwester meiner Mutter Philipina  und war verheiratet mit Samuel Braun. 

IV.1.2.1. Emilia Braun (1916) + Heinrich Dell (1915).

IV.1.2.2.  Johann Braun (1919) (vermisst)

IV.1.2.3. Maria (1926) + Karl Schkaley.

IV.1.2.4. Viktor Schwarz (1929)+ Ekaterina

IV.1.2.5. Olga + Viktor Wendel   } (beide geboren von

IV.1.2.6. Ewald Schwarz + Wera.}   Katarina  Dell ).

 

Kinder von Lydia (1900) + Michel Braun (1898), 2Ehe, Christian Mück.

IV.1.3.1. Jakob Braun (1924), früh verstorben.

IV.1.3.2. Klara   Braun (1926)    früh verstorben

IV.1.3.3. Maria     Braun   (1930 ) + Waldemar Hergenreiter

IV.1.3.4. Zenida Mück

IV.1.3.5. Nathan Mück 

 

Kinder vom Gottlieb (1901) + Lydia Arnold (1903)

IV.1.4.1. Maria – (1924) + Herbert Ickert ( 1921)

IV.1.4.2. Olga – (1926) + Jakob Becker (1930)

IV.1.4.3. Johann (1928) + Mina Jegel (1929)

IV.1.4.4. Klara- (1932) + Johann Pinnecker (1929)

IV.1.4.5. Alica  (1937) + Johann Brettmann  (1938)

IV.1.4.6. Irma (1941) + Alexander Schander ( 1941)

IV.1.4.7. Ewald (1935) + Maria Lieders (1935)

 

Kinder vom Karl (1903) + Maria Bauer

IV.1.5.1. Samuel (1926) + Maria Melcher

IV.1.5.2. Alexander (1929) + Elmira Kujat (1939)

IV.1.5.3. Maria (1931) + Johann Reimche

IV.1.5.4. Jakob (1933) + Beate Minich

IV.1.5.5. Oswald (1935) + Elmira Henschel

IV.1.5.6. Ewald (1937) + Ella Zense

IV.1.5.7. Wilhelm ( 1938) + Zoja Hobunowa

IV.1.5.8. Robert  (1941) + Margarete Pekrul

 

Kinder von Emilia (1908) + Gustav Schwarz (1909)

 

IV.1.6.1. Irma  (1939) + Adam Schaab (1936)

IV.1.6.2. Ella (1942) + Andrey Herrmann

IV.1.6.3. Leo (1946) + Wladimir Grasmück (1945)

 

Kinder von Otilia (1910) + Christian Dell (1910)

 

IV.1.7.1. Jakob (1939) + Amalia Pinnecker ( 1937)

IV.1.7.2. Ewald (1941)

 

Kinder von Karlina (1918) + Philip Braun (1916)

 

IV.1.8.1. Maria  (1938 – 1944)

IV.1.8.2. Philip  (1940 - 1941)

 

 

Kinder vom Jakob (1924) + Erna Beck (1927)

 

IV.1.9.1. Viktor (01.02.1946) + Tatjana

IV.1.9.2. Johann (1948, bei Geburt verstorben)

IV.1.9.3. Waldemar (20.10.1960)

IV.1.9.4. Alexander (16.09.1965) + Olga Keller

 

Kinder von Fronika (1928) +Artur Tövs (192 )

 

IV.1.10.1. Irma (1951) + Jakob Kling (1950)

IV.1.10.2. Erna (1950) + Jura Petrov

IV.1.10.3. Waldemar (1955) + Irina Kauz (1962)

IV.1.10.4  Ewald (1957) + Lydia Meister (1961)

IV.1.10.5. Jakob (1960) + Belokrinizki  ( 1965)

IV.1.10.6. Elwira (1963) + Genadi Burov (1956)

IV.1.10.7. Alma (1965) + Viktor Lawrov  (1961)

IV.1.10.8. Alexander (1967) + Irina Buchmüller (1967)

IV.1.10.9. Artur (1969) + Nadja Klassen (1970)

IV.1.10.10. Tatjana (1971)

 

Kinder von Philipina (1875) + Oldenburger Philip ( 1870)

 

IV.2.1.1. Maria (1898) + Konrad Braun (1894)

IV.2.1.2. Johann (1927) + Klara Hahn

IV.2.1.3. Andrey (1929)

IV.2.1.3 und  4.(Zwillinge) Alma und Olga (1935)

 

Kinder von Christina (1904) + Gottlieb Baumbach (1900)

 

IV.2.2.1. Maria (1935)

IV.2.2.2. Frieda  (1940)

 

     Kinder von Philip Oldenburger (1908) +

 

IV.2.3.2. Samuel (1934)

IV.2.3.3. Olga (1930)

IV.2.3.4. Klara (1932)

         2. Ehe - Katerina.

IV.2.3.5. Maria (1945)

IV.2.3.6  Albert (1945)

IV.2.3.7. Irma  (1951)

IV.2.3.8.  Philip (1954)

 

      Kinder von Emilia (1910) + Samuel Kronhardt (1910)

IV.2.4.1. Maria (1933) + Schellenberg Peter (1928)

IV.2.4.2. Olga  (1936) + Johann Grunau (1935)

IV.2.4.3. Johann  (1931) + Zina Schmied

IV.2.4.4.Irina  (1941) + Koschell Robert

IV.2.4.5. Georg (1948) + Lydia Hahn

IV.2.4.6. Frieda  (1951) + Waldemar Melcher (1948)

 

      Kinder von Samuel (1912) + Natalie Sartison (1915)

 

IV.2.5.1. Johann  (1934)

IV.2.5.2  Maria  (1937)

IV.2.5.3. Frieda  (1947)

IV.2.5.4. Larisa  (1949)

IV.2.5.5. Irina   (1951)

IV.2.5.6.Alexander (1953)

 

          Kinder von Otilie (1914) + Ittermann Ewald    

 

IV.2.6.1. Alexander  (1937)

IV.2.6.2   Johann (1942)

IV.2.6.3  Lila  (1948)

IV.2.6.4  Jakob  (1951)

IV.2.6.5. Lydia  (1955)

IV.2.6.6. Nella  (1957)

 

          Kinder vom Heinrich (1977) + Scharlotta Hofmann

 

IV.3.1.1. John (mit 27 Jahren verstorben)

IV.3.1.2. George (1927 – 2002) + Emilie Witzke. Kinder: Edward,              

Johanne, Debra (27.05.56) + Tom Jansen, Betty (1957) + Art              Thompson (1952), Leland (1961)

IV.3.1.3. William (1928) + Ester Fletker.

IV.3.1.4. Jakob-Albert (1930) + Georgina-Katerina. Kinder: Linda-Jean, Lorna-Albert.

IV.3.1.5. Gerald (1933) + Saaly (28.09.1938). Kinder:

 

Kinder vom John (1904) + Helen Stanley

 

IV.3.2.1.

IV.3.2.2.

 

Kinder vom Alexander (1906) + Real Heid.

 

IV.3.3.1. Wilfred (1928) + Erma

IV.3.3.2. Raymond (1931) + Elna Jensen

IV.3.3.3. Arthur (1932) + Andrey

IV.3.3.4. Florabel (1934) + Walter Senft

IV.3.3.5. Gordon (1936) + Frances

IV.3.3.6. Helmer (1938) + Johnne Ralf

 

Kinder von Amalia (1907) + Gottfried Seibel.

 

IV.3.4.1. Louse

IV.3.4.2. Evelyn

IV.3.4.3. Lillian

IV.3.4.4. Lorraine

IV.3.4.5. Doreen

IV.3.4.6. Eleanor

 

Kinder vom Jakob (1909) + Albertina Witzke.

 

IV.3.5.1. Gladys-Ella (10.10.1931) + Arthur Radke (13.10.1928)

IV.3.5.2. Alfred-Jakob  (01.11.1940) + Laureen

IV.3.5.3. Juliene-Doris (12.03.1943) + Ernest Lerner

IV.3.5.4. Rodney-Dale (17.03,1946) + Janet Reimche

 

Kinder vom Christian + Mary Holderbain

 

IV.4.1.1. Clara

IV.4.1.2. Edna

IV.4.1.3. Leonard + Evelyn

IV.4.1.4. Ruby + Clayton

 

Kinder vom Alexander + Lydia Brown

 

IV.4.2.1. Eileen +Evan Baum

IV.4.2.2. Marion + Stan Hofmann

IV.4.2.3. John + Ruth

IV.4.2.4. Jerry + Laura

 

Kinder von Sarah + William Holderbein

 

IV.4.3.1. Harry + Anne

IV.4.3.2. Gordon + Marlene Sartison

IV.4.3.3. Juleena + Don Mecall

IV.4.3.4. Dain

IV.4.3.5. Carny

IV.4.3.6. Layl

IV.4.3.7. Wellory

IV.4.3.8. Allen

 

Kinder von Florence + Martin

 

IV.4.4.1. Morle

IV.4.4.2. Bernard

IV.4.4.3. Harway

IV.4.4.4. May

IV.4.4.5. Lynda

IV.4.4.6. Violett

 

Kinder vom Jakob + Mary

 

IV.4.5.1. Lorretta

IV.4.5.2. Donald

IV.4.5.3. Carol

IV.4.5.4. Sharon

IV.4.5.5. Wendy

 

Kinder von Emma + Alexander Busse

 

IV.4.6.1. Dorotty + Dwait Wilkinson

IV.4.6.2. Marvin + Norma Anderson

IV.4.6.3. Dalle + Jolanda

IV.4.6.4. Larry + Caroline Kurtz

 

Kinder vom Daniel + Frieda

 

IV.4.7.1. Arlene

IV.4.7.2. Ardin

 

Kinder von Loisa + Reinhold Busse / George Remple

 

IV.4.8.1. Edward (1939) + Sabina Mirna

IV.4.8.2. Kerol (09.12.1942) + Eldon Dunham

IV.4.8.3. Brain (02.07.1945) + Darlene Dowdell

IV.4.8.4. Merlin (1951) + Wayne Redekop

 

Kinder von Alma + Braun

 

IV.4.9.1. Weine

IV.4.9.2. Gloria

IV.4.9.3. Terry

 

Kinder vom Wilhelm  Buchmüller (1909) + Melita (1908)

 

IV.5.1.1. Johann (1930)+ Wera (1931) . Kinder: Alexander, Rufina, Paul, Elena.

IV.5.1.2. Georg (1932)+ Elena(1935). Kinder: Lydia, Valentina, Maria.

IV.5.1.3. Maria (1943)+ Anatoli Panarin (1942). Kinder: Wera, Mila, Alina, Linda.

IV.5.1.4. Valentina (1935)+ Karl Werner (1928). Kinder: Klara, Elena, Joseph, Daniel, Samuel.

             

Kinder von Georg Buchmüller(1911) + Emilia (1911).

 

IV.5.2.1. Maria

IV.5.2.2. Valentina 

IV.5.2.3. Klara

IV.5.2.4. Ella

 

         Kinder von Wilhelm Sartison (1908)

Erster Sohn meiner Mutter Philipina von erster Ehe mit Wilhhelm Sartison.

1. Klara Sartison von Ehe mit Marie Dell

2. Ella Sartison von Ehe mit Marie Dell

3. Irma Sartison von Ehe mit Marie Dell

 

          Kinder  2. Ehe mit Olga Komlenko

1. Lydia Komlenko

2. Anatoli Komlenko

3. Viktor  Komlenko

4. Wladimir Komlenko .

 

 

 

 

     3. Gedicht zum Treffen in Werlte

 

              NEUHOF;  SAMAN - KUL;  NOVODWOROWKA

 

             Solche  Namen   trug  unser  Dorf,

             daß  es  jetzt,  sich  ganz  verworf.

             Einstmal angesiedelt in Kasachstan,

             im  Norden ,  aber  wie  und  wann

             wissen  wir  genau  es   nicht,

             weil  die  Zeit das Gedechnis bricht.

            

                      

 

                               Nach  einigen  Zeugen,  so  ungefähr

                               ist´s  von  neunzehnhundert  sieben  her.

                               Die  Deutschen  kamen  von  Westen,

                               Sie  suchten, wo es  wär  am  besten.

                               Durch  Minister  Stolypin   Erlass,

                               zogen sie unsicher, trocken und  nass.

                    

                      Hier  war gutes Wasser und  viel Land,

                      auch  mit  gutem  Ruf  benannt.

                      So  siedlen  sie  Dorf  Neuhof  an,

                      da  einer nach  dem  andren  kam.

                      Vermutlich,  erst  Verwandten  kamen

                      und bauten diesen guten Ort beisammen.

 

                               Wie:  Grenhagen, Schütz, Janzen  mit  grauem  Bart,

                               Wagner,Engelhardt, Knitel, Harder, Freunde aller Art.

                               Schmidt, Asmus, Melser, Oldenburg,  Obenauer,

                               Spieß, Schefer , Barwich, Forsch und  Bauer.

                           Der  Anfang  war schwer, vieleicht auch gut

                           bis Ende 30, so zu  sagen  mit  hohem  Mut.

       

                      Weiter  kamen  noch  hinzu.

                      Alle hatten Platz und  Ruh, 

                      wie, Tomas, Airich, Beck, Seel, Bötcher, Maier,

                      Fuchs  und  Wolf , Hehn, Halt  und  Gaier,

                     Golbek, Horscht, Seidensal, Alexaners, Geibel,

                     Kün, Bechthold, Schröder, König , Fred und  Seibel.

                               

                                 Dazu: Wansiedler, Gensel, Ertel,  Rambach.

                                 Worowschilogader: Haag,Maas, Reiswich, Baumbach.,

                                 Hollander, Wegesser, Liebelt, Noll und  Zilke.

                                 Auch, Gering, Dering und  Wirger  Milke.

                                 So wie, Töws, Sartison, Bastian, Grabowski.

                                 Polen: Kaidanowitsch, Milkowcki und Falkowski.

                     

                      Zuletzt: Braun, Schwarz, Weiß  und  Rot.

                      Alle  Farben  gab´s  im  Dorf  zur  Not.

                      Ja, Rauch und  Hoch, Goß  und  Klein.

                      Ei! Was  ein  Dorf, so schön und  fein.

                                   

                                    Dazu  am  Dorf  das  Spatzenchutor

                                    da wohnte  Flat  mit  seiner Mutter.

                                    Es  sind  noch  viele  zu  benennen,

                                    aber alle kann man hier nicht nennen.

 

                      Bis  Anfng´s  40,  war stiller  Frieden.

                      wie  in Osten, Westen und in Süden.

                      Aber in 42, da  ging´s  los

                       Alle  mußten  raus, aus  Abraham´s Schoß.

 

                                    Alle  Deutsche des  Westen, mußten nach Osten

                                    Verloren  Hab  und  Gut, auf  eigene  Kosten.

                                    Das  verursachte  große  Not  und  Hunger,

                                    dazu  die  Scheidung, mit Tränen und Kummer.

 

                        Männer, Frauen  alle  in  die  Trudarmee,

                        wo  viele  starben  durch  Leid und  Weh.

                        Die  zuhause, alte Männer, Frauen und Kinder

                        litten  Hunger,an Kleidung, Heizung im Winter,

                        wo die  große  Kälte  über  40   stieg ,  

                        war  keine  Hoffnung  auf  den  Sieg .

 

                                       Dazu  die  arme  Nahrung, sogar  kein  Salz,

                                       wo fuhr der Oldenburg, der  Willemvetter

                                       mit  armen Kartoffelsack,ohne Fett und Schmalz.

                                       Mit schwachen Kleider, im schlechten  Wetter

                                       zum  Salzoser,nach  bittrem salzigen  Wasser.

                                       Viele können´s  gedenken,Zeuge hir,Hinze Asser.

                        

                          Nun  aber  doch,  in dieser  großer  Not

                          haben  wir  Jungen  oft  fröhlich  getobt.

                          Abend´s  in Wohnungen  herschte  die  Jugend.

                          Die Eltern  gingen  weg  zu  ihrer  Tugent.

                          Dann  wurde gespielt, getanzt  und  getobt,

                          daß  sich der  Staub  bis  in  Himmel  hob .

                                        

                                        Die  Älteren  hatten  ihr  Vergnügen.

                                        Nicht  alles  blieb  auch  hier verschwiegen.

                                        Wie  die  Köchin  im  Felde  der  Brigade.

                                                                          

                                        Nicht  jedem  war  das  Essen  gut  zu  Schade.

                                        Einmal  salzig, einmal  bitter ,süß  oder  sauer.

                                        Doch kochten gut Amalie Wagner, Magdalena Obenauer.

 

                           Auch  der  Saatweizen  wurde  im  Felde  gerößt.

                           Ackerkühe  gemolken, waren  wir satt  und  getrößt.

                           So, damals  im  Landmann  ging  das  Leben,

                           aber  jeder  voller  Mut  und  Streben.

 

                                        23  April  neunzehnhundert sechsundvierzigsten  Jahr                                     

                                        am  Morgen,  war  der  Himmel  hell  und   klar.

                                        Dann  fing  an  ein  großer  Sturm  mit  Schnee

                                        Verfroren, Vieh, Menschen in  Schmerz und  Weh.

                                  Wir  aber, standen  fest  in  unsrem  "Landmann"

                                  Dann  sogar  als  Sieger, Ihn  erkannt   man.

                           

                            Sein  Name  stand  in  Moskau  auf  der  Messe.

                            Das  war Erfolg, es  wird  nie  vergessen.

                            In  unser  große   Kolchosemelkerei

                            hatten wir die  Siegefahne immer  frei,

                            auch  unser  Siegermelker  Otto   Hehn,

                            konnten wir öfter in der Zeitung  sehn.

 

                                  Dennoch, das  Leben  war  sein  Weg  gegangen

                                  mit  Mut, auch  Kummer  nach  Lebensverlangen.

 

                            Jetzt  leben  wir  im  ehemaligen  Vaterland

                            genügend,  mit  Frieden  Hand  bei  Hand.

                            Nun Gott sei Dank  für  Speis  und  Trank.

                            Bleib  gesund  und  sei  nicht   krank.

                           

                                        Wenn  gleich  unser  kleines  Heimatsdorf

                                        sich in Deutschland weit und breit verworf

                                        von  den Alpen,Süden bis  hohen Norden

                                        und  von  Osten  bis  ganz  nach  Westen.

 

                                      

  

                                       Überall,  die  Seinen   jetzt  Geworden.

                                       Bei jedem Treffen sind´s  jetzt die besten.

 

 

                             Im  Norden, Hamburg  Jegor  und  Martha  Kin

                             In  Süden, Bodensee, Bauern Groß und Harri  Kün

                             Ganz  Westen, Aachen,  Albin  Lange,

                             die  viele ihn kennen und sich  bangen.  

                          

                                        In  Süd - Osten, Baiern  Beck  und  Schwarz mit  Kinder

                                        Jetzt  ist´s zu  besuchen, wie im Sommer, so im Winter.

                                        In ganz Deutschland wohnen Jetzt die  Seinen.

                                        Nun  Willkommen und aus Freude  Weinen.

 

 

                             Ja,  das  Leben  wird  auch  trübe,

                             das  Herz  wird  manchmal  schwer,

                             als ob in uns, kein Fünkchen  Liebe

                             und  Glauben  in  uns  wär.

                                    

                                    Hab  Geduld  und  fasse  Mut

                                    das  ist  für  uns alle  gut.

                                         

                              Wir  haben  das  Heil  in  Not  gefunden,

                              Jetzt  liegt´s  manchmal  uns  so  fern

                              und  doch  sind  solche   Stunden

                              ein  Segen  von  dem   Herrn.

 

                                      Nun  lasset  die  Herzen  immer  Fröhlich

                                      und  mit  Dank  erfüllet  sein,

                                      denn  der  Heiland  macht  es  möglich,

                                      aus  voller  Schönheit  fröhlich  sein.

 

 

                                                                               Werlte.  2002.

 

 

4. Wichtige Etappen in der Geschichte  der Russlanddeutschen

 

1.  1702  fing Zar  Peter  der Große zum  Aufbau  des  russischen  Reiches die  Anwerbung  von  ausländischen  Spezialisten an.

2.  1725 – 1740 herrschte Katharina  I.  und  Anna und ihre Günstlinge  Münnich  und  Ostermann.   "Deutsche  Periode "  der  Zarenherrschaft. 

3.  22.07.1763.   Manifest der  Kaiserin  Katharina  II.  ( 1762 - 1796 ).  Aufruf  an  alle  Ausländer  zur  Einwanderung  nach  Russland.

4.  Manifest  Alexander  I.  ( 1801 - 1825 ).  Einladung  zur  Ansiedlung  Deutscher  im  Schwarzmeer  Gebiet.

5.  Generalkonsistorium  für  die  evangelischen  Kirchen  in  Saratow / Wolga Gebiet am 25.  10. 1819  gegründet.

6.  09.11.1838.  Nikolaus  I.  ( 1825 - 1855 )  bestätigt  die  Privilegien  der  Kolonisten:  Kondifizierung  aller  Freiheiten,  Pflichten  und  Privilegien  der  Kolonisten  und  Verleihung  der  Bürgerrechte  an  die  Kolonisten  im  ganzen  Zarenreich. 

7.  Tronbesteigung  Alexander  III.  (  1881- 94 ).  Beginn  der  Russifizierung. 

8.  20-23.04.1917.  Erster  Gesamtdeutscher  Kongress  in  der  Geschichte  der  Deutschen  in  Russland.  Gründung  eines  Zentralkomitees  aller  Deutschen  in  Russland. 

9.  07.11.(25.10.) 1917.  Bolschewistische  Oktoberrevolution  und  Bildung  der  Sowjetunion. 

10.  06.  1924.  Gründung  der  Autonome  sozialistischen  Sowjetrepublik (ASSR ) der  Wolgadeutschen. 

11.  1921-1927 .  Neue  Ökonomische  Politik ( NEP ).  Vorübergehende  Erholung  in  den  deutschen  Kolonien,  allgemeiner  Aufschwung. 

12.  1928.  Beginn  der  Kollektivierung,  Entkulakisierung  und  Schließung  der  Kirchen.  In  Kalmykien  fing  an  die   Kollektivierung  in  1929  und  endigte  in  1930. 

Im  Dorf  Nem - Chaginka  wurden  gebildet  zwei  Kolchosen :  „Rose  Luxemburg"   und "Karl  Marx".  Nach  einigen  Jahren, kam dazu  noch ein Kolchos „Molotow". 

13 .  Am  22  Juli  1941  fing   der  II.  Weltkrieg   an. Im  August  1941 begann  die Deportation  der  Wolgadeutschen.  Die  Deportation  der  Deutschen  aus  den  westlichen  Teilen  der  Sowjetunion ( Ukraina,  Krim ),  begann  schon  ab  Juli  1941. 

14.  08.05.1945.  Bedingungslose  Kapitulation  der  Deutschen  Wehrmacht. Verfolgung  und   Zurückverschleppung   der  Deutschen,  die  im  Krieg  nach  Deutschland aus  Besatzungsgebieten  Russlands kamen. 

15.  23.05.1949.  Gründung  der  Bundesrepublik  Deutschland. 

16. 08.04.1958. Deutsch-sowjetische Übereinkunft über  Familienzusammenführung  und  Zusammenarbeit  der  Rot - Kreuz - Gesellschaften  beider  Staaten. 

17.  29.08.1964.  Erlass über  die  Teil - Rehabilitation   der Wolgadeutschen  und  Aufhebung  des  Dekrets  vom  28.  08.  1941.

18.  01.01.1987.  Das  neue  Gesetz  über  Einreise  und  Ausreise  ist  in  Kraft  getreten.  Danach durften die Sowjetbürgern  zur  Verwandten  ersten  Grades auswandern.  Bis  Januar  1997  sind  nach  Deutschland    mehr  als  2  Mln Deutsche  aus Russland und osteuropäischen Ländern eingewandert.

 

 

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